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hier steht der Geist im Banne der quantifizierenden Methode) als
ob es nur einer immer noch stärkeren Vermehrung des Besitzes an
Wissen bedürfte, um schließlich zu erkennen: „was die Welt im
Innersten zusammenhält". So fühlt sich auch jeder Naturforscher
als ein Glied in einer großen Kette. Er steht auf den Schultern
seines Vormanns und wer es schließlich erlebt, wird so hoch ge-
süegen sein, daß er die Sterne greifen kann. Er fühlt sich aber
auch nur als der (unpersönliche) Mehrer im Reiche seiner Wissenschaft.
Das Wissen von der Natur wird objektiviert, sobald es zu Tage
gefördert ist. Die einzelnen Erkenntnisse erscheinen als rein sachliche
Erkenntnisse ohne jede persönliche Note. Kein Mensch sieht dem
Fallgesetz an. daß Galilei, dem Verbrennungsgesetz, daß Lavoisier,
dem Gesetz von der Erhaltung der Kraft, daß Rob. Mayer sein
Vater ist.
Ganz das Gegenteil trifft für die Geisteswissenschaften zu.
Hier trägt jede Leistung einen persönlichen Charakter, und wenn es
auch nur (wie meist) der Charakter der Stümperei ist. Die großen
Schöpfungen sind aber höchstpersönliche Werke wie der Moses von
Michelangelo oder der Fidelio von Beethoven. Sie reihen sich des
halb auch nicht irgendwo in eine Kette von andern Leistungen ein.
Sie stehen für sich da, neben andern. Sie fangen von vorn an. ein
Wissensgebiet zu durchleuchten. Von irgend welchem Ansammeln von
objektiver Erkenntnis (wenn man von dem Tatsachenmateriale ab
sieht) ist keine Rede; von einem Weiterbauen ebensowenig. Die
Geschichte der Wissenschaft vom Menschen stellt sich uns nurmehr
dar als ein Nach- und Nebeneinander persönlicher Schöpfungen, die
sich dann von Zeit zu Zeit zu bestimmten Manieren. „Methoden"
genannt, verhärten, um die ein oft recht unnützer Meinungskampf
entbrennt. Es sind dann die Kleinen, die sich dieser oder jener