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nach London gesandte und dort angelegte Summe auf 600 000 £
beziffert wird, so hat das insofern ein tatsächliches Analogon, als
der Nominalwert der in der Exilzeit verfügten, nicht aber in vollem
Umfang vom Kurfürsten gedeckten Ankäufe sich tatsächlich auf
mehr als 600 000 £ belief. Der Hergang der Sache aber ist in jeder
Beziehung der entgegengesetzte gewesen. Nicht durch die Post hat
Nathan Mayer jene Summe erhalten, denn das wäre bei den damaligen
Verkehrsverhältnissen undenkbar gewesen, auch nicht auf ein Mal,
sondern nach und nach im Verlauf von fünf Jahren. Nicht Dank
und Lohn ernteten die Rothschild für diese und andere Dienste,
sondern von gewisser Seite des kurfürstlichen Hofes sogar Undank
und Unannehmlichkeiten. Dieser Widerspruch der Tatsachen mit
der naiven und falschen Auffassung der Rothschild-Legende, die
damals (Februar 1834) schon weit verbreitet und auch Nathan Mayer
bekannt gewesen sein muß, veranlaßte ihn, die ganze Sache ironisch
vorzutragen und seine Zuhörer zum Besten zu halten. Denn daß
er ein Schalk war, geht schon aus der Geschichte von dem Bettler
und der Guinea hervor. Er gab nämlich zuweilen, um sich zu
belustigen, einem Bettler eine Guinea. Der denkt, es sei aus Ver
sehen geschehen, und aus Furcht, daß der Spender seinen Fehler
entdeckt, läuft er davon so rasch er kann. „Ich rate Ihnen, einem
Bettler zuweilen eine Guinea zu geben, es ist sehr belustigend.“
Diese und andere heitere Geschichten erzählt Nathan Mayer
in derselben Gesellschaft, von der Buxton berichtet. Er war also
an jenem Tage launig aufgelegt. Vielleicht waren auch eingeweihte
Zuhörer zugegen, bei denen er auf ein ausreichendes Verständnis
seiner Anspielungen rechnen durfte. Buxton gehörte jedenfalls nicht
zu den Eingeweihten, und so hat dessen Bericht einen ernsten
Anstrich erhalten. Und wenn wir auch die Art und Weise, wie
Nathan Mayer von dem Leinenvorrat des Kurfürsten spricht, aus
den Akten nicht aufzuklären vermögen, so müssen wir doch an
nehmen, daß die zugrunde liegenden tatsächlichen Verhältnisse hier
ähnlich lagen und ähnlich ironisiert wurden wie bei dem Weinvorrat.
Um zuletzt noch ein Wort über die beiden Brockhausschen
Artikel zu sagen, so war der erste vom Jahre 1827 von einem in
Frankfurt lebenden Publizisten, Freiherrn von Meseritz, verfaßt 232 .
Dieser verfuhr wie ein praktischer Journalist, indem er den Gentzschen
Artikel wörtlich auszog und die Frankfurter Legende, die ihm als
Bewohner dieser Stadt geläufig sein mußte, in einer Fußnote