Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

1.  Markt  und  Geld  bei  den  Naturvölkern.

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wer  den  Marktfrieden  bricht,  setzt  sich  den  strengsten  Strafen  aus.  Jeder  Stamm
bringt  auf  den  Markt,  was  ihm  eigentümlich  ist,  der  eine  Honig,  der  andere
Palmwein,  ein  dritter  getrocknetes  Fleisch,  wieder  ein  anderer  Tongeschirr  oder
Eisengerät  oder  Matten  oder  Gewebe.  Der  Eintausch  bezweckt,  Produkte  zu  erlangen,
die  im  eigenen  Stamme  gar  nicht  oder  doch  nicht  so  gut  und  kunstvoll  erzeugt  werden
können,  wie  bei  den  Nachbarstämmen.  Das  muß  dann  jeden  Stamm  wieder  veranlassen, ­
  diejenigen  seiner  Erzeugnisse  in  überschüssiger  Menge  hervorzubringen,
welche  bei  anderen,  sie  nicht  selbst  gewinnenden  Stämmen  geschätzt  sind,  weil  gegen
diese  das  am  leichtesten  zu  erlangen  ist,  was  man  nicht  selbst  besitzt,  was  jedoch
andre  im  Überflüsse  erzeugen.  In  jedem  Stamme  aber  verfertigt  jede  Einzelwirtschaft ­
  die  bevorzugte  marktgängige  Tauschware,  und  dies  bewirkt,  wenn  es  sich  um
ein  hausgewerbliches  Erzeugnis  wie  Tongeschirr  oder  Rindenzeug  handelt,  daß  ganze
Dorfschaften  und  Stammgebiete  den  Reisenden  wie  große  Industriebezirke  erscheinen,
obwohl  es  keine  Berufshandwerker  gibt  und  jede  Familie  alles  selbst  herstellt,  was
sie  braucht,  mit  Ausnahme  der  wenigen  nur  bei  fremden  Stämmen  gemachten
Artikel,  an  die  man  sich  gewöhnt  hat,  und  die  ihnen  der  Tausch  als  bloßer  Lückenbüßer ­
  der  Eigenproduktion  verschafft.
Das  ist  der  einfache  Mechanismus  des  Marktes  bei  den  Naturvölkern.  Und
nun  das  Geld!  Wie  viel  ist  über  die  mancherlei  Geldarten  bei  den  Naturvölkern
geschrieben  und  vermutet  worden,  und  wie  einfach  erklärt  sich  doch  ihre  Entstehung!
Geld  ist  für  jeden  Stamm  diejenige  Tauschware,  die  er  nicht
selb  st  hervorbringt,  wohl  aber  von  Stammfremden  regelmäßig ­
  eintauscht.  Denn  sie  wird  ihm  naturgemäß  zum  allgemeinen  Tauschmittel, ­
  gegen  das  er  feine  Produkte  hingibt;  sie  ist  für  ihn  das  Wertmaß,  nach
dem  er  den  eigenen  Besitz  schätzt,  der  in  anderer  Weise  gar  nicht  liquidierbar  ist;
in  ihr  erblickt  er  seinen  Reichtum,  denn  er  kann  sie  nicht  willkürlich  vermehren:
sie  wird  auch  bald  unter  Stammesgenossen  zur  Wertübertragung  benutzt,  denn  sie
ist  wegen  ihrer  Seltenheit  allen  gleich  willkommen.  Daher  die  von  unseren  Reisenden
so  häufig  beobachtete  Erscheinung,  daß  in  jedem  Stamme,  ja  oft  von  Dorf  zu  Dorf
ein  anderes  Geld  üblich  ist,  daß  eine  Sorte  Muscheln  oder  Perlen  oder  Baumwollzeug,
  für  die  man  heute  alles  kaufen  kann,  schon  am  Orte  des  nächsten  Nachtlagers ­
  von  niemand  mehr  genommen  wird,  was  dann  wieder  die  Folge  nach  sich
zieht,  daß  sie  erst  die  gangbare  Tauschware  sich  verschaffen  müssen,  ehe  sie  auf  dem
Markte  sich  versorgen  können.  Daher  auch  die  weitere  Beobachtung,  daß  Naturprodukte ­
  von  örtlich  beschränktem  Vorkommen,  wie  Salz,  Kolanüsse,  Kaurimuscheln,
Kupferbarren,  oder  Erzeugnisse  seltener  Kunstfertigkeit,  wie  Messingdraht,  eiserne
Spaten,  tönerne  Tassen,  Rindenstoffe,  bei  vielen  Stämmen,  die  ihrer  entbehren,  als
Geld  genommen  werden.  Vor  allem  auch  die  bekannte  Erscheinung,  daß  Gegenstände ­
  des  Außenhandels,  wie  europäische  Baumwollzeuge,  Flinten,  Pulver,  Messer,
zu  allgemeinen  Tauschmitteln  werden.
Markt  und  Geld  hängen  eng  zusammen,  soweit  das  Geld  in  seiner  Eigenschaft
als  Tauschmittel  in  Betracht  kommt;  aber  nicht  jede  einzelne  Geldart,  die  sich  bei
einem  Naturvolke  findet,  muß  aus  dem  Marktverkehre  hervorgegangen  fein.  In
seiner  vollen  Ausbildung  ist  das  Geld  eine  so  verwickelte  soziale  Erscheinung,  daß
die  Vermutung  nahe  liegt,  es  feien  in  ihr  verschiedene  Entwicklungsmomente  zusammengeflossen. ­
  So  scheint  z.  B.  das  Viehgeld  feine  Wurzel  in  der  Tatsache  zu
finden,  daß  die  Haustiere  bei  den  betreffenden  Völkern  die  Repräsentanten  des
Reichtums  und  das  Mittel  der  Vermögensansammlung  bildeten.  Auch  die  Beobachtung, ­
  daß  manche  Stämme  für  den  Brautkauf  und  ähnliche  Zwecke  die  gangbare
Geldart  nicht  zulassen,  sondern  dafür  bestimmte  andere  Vermögensstücke  vorschreiben,
scheint  auf  die  Zulässigkeit  der  Annahme  hinzuweisen,  es  möchten  neben  der  Haupt-
            
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