Gentilizismus und Individualismus.
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stände zu lindern, so wenig Entgegenkommen gefunden haben und so
langsam an Boden gewinnen, so spricht dabei jedenfalls mit, daß sie auf
eine eingewurzelte gentilizistische Denkweise als ihren Gegner stoßen.
4. Wir wenden uns jest dem religiösen Gebiet zu. Der
Gegensag unserer beiden Typen tritt uns hier als Gegensag von Volks-
religion und persönlicher Religion entgegen. Die Religion des jüdischen
Volkes war bekanntlich, ehe die Propheten die einzelne Person in ihren
Mittelpunkt stellten, eine ausgesprochene Volksreligion: die Angelegen-
heiten der Gruppe, die kriegerischen Nöte und Siege des Volkes und
dessen sonstiges Wohlergehen: bildeten ihren Hauptinhalt. Im Kultus
nahte in erster Linie das Volk als Ganzes mit Dank und Bitte; und
ebenso waren die Feste Veranstaltungen des ganzen Volkes. Die Nöte
und Leiden des Einzelnen fanden in dieser Religion nur einen beschei-
denen Play: so wie die Gruppe solchen „schwachen“ Elementen mit Ab-
neigung begegnete ($ 7), so erschien auch Gott gegenüber das Unglück
leicht als Folge einer Schuld!). — Entsprechendes gilt für alle Völker,
die sich wie die Mexikaner oder Chinesen zu einem stärkeren staatlichen
Leben, aber in der Religion noch nicht zur Stufe der prophetischen und
Erlösungsreligion erhoben haben. Steigen wir von diesen Halbkultur-
völkern herab zu den Naturvölkern, so bleibt der Gruppencharakter un-
verändert, aber ihr Träger wechselt. Die einschlägige Gruppe ist nicht
mehr das Volk oder der Stamm, weil dieser noch keine politisch-kriege-
rischen Aktionen von größerem Ausmaße vollbringt und daher noch keine
historischen Schicksale kennt, sondern kleinere Einheiten. Hierhin ge-
hört einerseits die Familie oder Sippe mit ihrem ausgesprochen gentili-
zistischen Kultus ($ 39), andererseits gibt es besondere Kultgruppen nach
Art der Totemgruppen; wie bei den legteren eine geschlossene Menschen-
gruppe zu einer Tierart oder sonstigen Gruppe von Wesen in magisch-
religiösen Beziehungen steht, ist bekannt. Auch hier ist aber vor ein-
zeitiger Auffassung zu warnen: in breiter Ausdehnung erstreckt sich
neben diesen Gruppengebilden die Zauberei als eine vorwiegend persön-
liche Form des religiösen Lebens durch alle niedrigen und mittleren
Schichten bis in die höchsten Formen der Religion hinein. Der vor-
wiegend individualistische Charakter der Zauberei ergibt sich schon dar-
aus, daß eine ihrer Hauptaufgaben die Heilung von Krankheiten ist;
das biologische Gebiet ist aber der Vergemeinschaftung unzugänglich
($ 28,,). Die höchste Form der Religion, die Erlösungsreligion, ist, wie
schon bemerkt, von Haus aus individualistisch. Wenn die christlichen
Sekten dem römischen Staat feindlich und unheimlich erschienen, so
X Vgl. Robertson Smith, Die Religion der Semiten. S. 209.