Full text : Finanzwissenschaft

172  4'  Buch.  II.  Teil.  Die  privatwirtschaftlichen  Einnahmen  des  Staates.
Staaten  Österreich  und  Ungarn  insgesamt  22,3  Millionen  Kronen
bezahlt.
Die  allgemeine  Beteiligung  des  Staates  an  den  Privatunternehmungen, ­
  was  gewissermaßen  als  Folge  der  Erschöpfung  der  Steuerquellen ­
  zu  betrachten  ist,  hat  freilich  auch  ihre  Schwierigkeiten.
Das  kann  nicht  bezweifelt  werden.  So  meint  Somary 1 ),  daß  der
Staat  durch  diese  Beteiligung  an  einer  Hinaufschraubung  der  industriellen ­
  Gewinne,  an  der  Erschwerung  von  Neugründungen  interessiert ­
  ist.  Doch  wird  eine  rationelle  Volkswirtschaftspolitik  dies
zu  vermeiden  wissen.

IV.  Abschnitt.
Staatsschatz  und  Reserve.
Der  Staatsschatz  ist  natürlich  keine  Einnahmequelle,  wohl  aber
ein  finanzieller  Fonds  zur  Befriedigung  außerordentlicher  Staatsbedürfnisse. ­
  Namentlich  in  früheren  Zeiten  kam  dem  Staatsschatz
größere  Bedeutung  zu,  insbesondere  bei  Befriedigung  außerordentlicher, ­
  so  kriegerischer  Bedürfnisse.  Die  Staaten  sammelten  in  größerer
Menge  Edelmetalle,  teils  weil  dieselben  außerordentliche  Kaufkraft
besaßen,  teils  für  unvorhergesehene  Fälle,  da  der  Kredit  noch  unentwickelt ­
  war.  Seit  der  Entwicklung  der  Volkswirtschaft  dient
die  Produktion  der  Edelmetalle  dem  Bedarfe  des  Marktes  an  Edelmetallen ­
  zur  Münzprägung  und  zur  Befriedigung  industrieller  und
anderer  Bedürfnisse.  Schätze  in  Edelmetall  werden  überhaupt  nicht
angesammelt,  da  man  den  Reichtum  in  einer  großen  Menge  von
Gütern  sucht,  die  entweder  zur  Produktion  oder  zur  Konsumtion
verwendet  werden.  Mit  dieser  Umgestaltung  des  wirtschaftlichen
Lebens  verliert  die  Schatzbildung  zusehends  ihre  Bedeutung  und
kommt  bei  Befriedigung  des  Staatsbedürfnisses  überhaupt  nicht  in
Betracht.  Auch  nimmt  der  Kredit  der  befestigten  Staatsindividualitäten ­
  in  solchem  Maße  zu,  daß  derselbe  zur  Deckung  außerordentlicher ­
  Bedürfnisse  in  vollem  Maße  zur  Verfügung  steht.  Ganz  abgesehen ­
  davon,  daß  in  der  Gegenwart  der  Kredit  den  Staatsschatz
in  der  Regel  vollkommen  zu  ersetzen  imstande  ist,  sind  mit  der  Ansammlung ­
  des  Schatzes  viele  Nachteile  verbunden.  Die  auf  die
Ansammlung  des  Schatzes  verwendeten  Summen  werden  anderen

*)  Die  Neuordnung  der  deutschen  Finanzwirtschaft  (Leipzig  1918).  8.182.
            
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