Die Wirtschaft und die soziale Frage. 65
hinzufügte: „Ach nein, das können wir doch dem Herrn Direktor nicht
zumuten, da wird er niedergeschrien.“ Aber vor diesem Niederschreien
dürfen sich die Leiter der Werke, die Unternehmer und ihre Vertreter,
die Direktoren der ganzen Werke und der einzelnen Zweige, nicht
fürchten. Es muß einelebendige Berührung und Aus-
einandersetzung zwischen den wirtschaftlichen
Führern und den wirtschaftlich Geführten in
jedem Betriebe stattfinden. Hierfür müssen
Formen ausgebildet werden. Das ist allerdings eine
mühselige Arbeit, die aber unvermeidbar ist. Denn eine gefährliche
Folge hat die vollständige Trennung der wirtschaftlichen Leitung von
der Arbeiterschaft hervorgerufen. Dadurch haben nämlich die wirt-
schaftlichen Führer jede Herrschaft über die Arbeiterschaft eingebüßt.
Man sagt unserem Unternehmertum nach, daß es so außerordent-
lich herrschsüchtig sei, Ich finde das Gegenteil, finde einen beklagens-
werten Mangel an wirklichem Herrschaftswillen, der nun einmal für alle
großen menschlichen Leistungen unerläßlich ist. Der Wille aber zur
Herrschaft muß es sein, wie ich sie oben andeutete, nämlich zu einer
Herrschaft, die die Geführten überzeugt, der sie sich willig unterordnen,
weil sie ihren Wert anerkennen und ihr Vertrauen schenken. Man kann
nur über Menschen herrschen, mit denen man in Fühlung ist, mit denen
man in einer ständigen Berührung lebt, in ständigem Austausch der
Gedanken und Erfahrungen steht. Das wissen die ausländischen Staats-
männer der politisch geschulten Völker des Westens. Sie spielen auf
der Seele ihres Volkes wie auf einem Instrumente. Sie herrschen wirk-
lich über ihre Völker, weil sie ihre Gedanken in die Völker hineinzu-
leiten wissen. Es ist nicht nur die technische Kunst der Rede, nein, es
ist die feine psychologische Einfühlung in die Seele der Massen. Unsere
Beamten der alten Schule waren viel zu vornehm, um wirklich innerlich
mit dem Volke zu leben und dadurch das Volk zu verstehen und es so
zu führen. Sie glaubten nur durch kalte Verordnungen und Befehle
regieren zu können, Hierfür ist die Zeit vorbei. Und die Staatsmänner,
welche durch unseren jungen Parlamentarismus an ihre Stelle getreten
sind, wissen auch noch nicht das Volk wahrhaft zu verstehen und so zu
lenken, Es ist das eine schwierige Kunst, ja, Herrschen ist vielleicht die
allerschwierigste Kunst im Menschenleben. Unsere Unternehmer ver-
lassen sich heute auf den eisernen Zwang der Notwendigkeit, die auch
die Widerwilligen zuletzt überzeugen müsse. Sie meinen auch mit der
bloßen Anordnung regieren zu können. Das ist ein Irrtum. Durch diese
Enthaltsamkeit sind ihnen die Massen entglitten. Denn der Mensch
will beherrscht sein. Wenn die rechtmäßigen Herrscher ihr Herrscher-
amt nicht zu führen wissen, dann suchen die Massen sich andere, illegi-
Die deutsche Wirtschaft.