Full text: Finanzwissenschaft

220 
4. Buch. V. Teil. Die Steuern. 
Die Einkommenverteilungs- und Konsumtionsidee bringen jene 
Auffassungen zum Ausdruck, welche die wirtschaftliche Funktion 
der Steuer darin erblicken, daß ein Teil der Bedürfnisbefriedigung 
mit jenem aus dem Privateinkommen stammenden Fond befriedigt 
wird, den wir die Steuer nennen; dies ist beiläufig das Wesen 
jener Theorien, die in diese Gruppe gehören. Auch die Konsum 
tionstheorien haben den Beigeschmack, daß, soferne die Staatstätig 
keit als ein Verbrauch von Gütern aufgefaßt wird, diese Auf 
fassung leicht zu einer unberechtigten Einschränkung der Staats 
tätigkeit hinüberleitet. In ihrer vollendetsten Form geht die Kon 
sumtionstheorie von der doppelten Klassifizierung der wirtschaftlichen 
Bedürfnisse, der individuellen und Gemeinbedürfnisse aus; diese 
Theorie will hiermit nicht bloß die Ursache der Steuer, sondern 
auch deren Maß bestimmen, indem sie die Steuer auf den Begriff 
des Grenznutzens zurückführt und nachzuweisen sucht, daß der in 
der Staatstätigkeit ruhende Grenznutzen das Maß der Steuer ist. 
Blicken wir auf die hier dargestellten Theorien zurück, so 
unterliegt es keinem Zweifel, daß sie insgesamt einseitig sind, daß 
sie insgesamt in der Steuer ein einziges Moment des wirtschaft 
lichen Lebensprozesses erblicken, während sie doch als wirtschaft 
liche Erscheinung alle Seiten des wirtschaftlichen Lebens aufweist. 
Als wirtschaftliches Verhältnis zwischen Staat und Staatsbürger 
sehen wir in der Steuer sowohl auf die Produktion, als auf den 
Verkehr, die Einkommensverteilung, den Verbrauch hinweisende 
Momente. Aber ganz unmöglich ist es, bei der Steuer bloß ein 
Moment wahrzunehmen, oder die Steuer geradezu mit einem dieser 
Momente zu identifizieren in der Weise, daß das Wesen der Steuer 
hierin zu erblicken wäre, denn die Steuer als volkswirtschaftliches 
Phänomen ist eine Erscheinung sui generis. Die Steuer ist nicht 
einfach die Gegenleistung für die vom Staate dem Ganzen ge 
leisteten Dienste, nicht einfach ein Tauschakt, auch nicht eine Art 
der Kostendeckung der dem Staate auf dem Gebiete und im 
Dienste der Produktion erwachsenen Opfer usw. Wir könnten mit 
einem Paradoxon sagen, die Steuer ist dies alles und doch nichts 
von alledem, denn sie ist weder Produktion, noch Tausch, noch 
Verbrauch an und für sich. Der wirtschaftliche Charakter der 
Steuer besteht darin, daß sie ebenso die volkswirtschaftliche Folge 
des staatsbürgerlichen Verhältnisses, wie die Pflichten des Kindes 
Ergebnis der Familienbande, ohne daß das, was sich die Familien 
glieder gegenseitig leisten, als Tauschgeschäft betrachtet werden 
könnte. Der wirtschaftliche Charakter der Steuer besteht also 
darin, daß sie ein auf höherer Stufe der volkswirtschaftlichen Ent-
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.