Full text : Die Arbeiterfrage

weil  sie,  indem  die  Kraft  eines  starken  Mannes  entbehrlich  geworden, ­
  sich  die  Kinder  und  Frauen  dienstbar  gemacht  habe,
weil  sie  den  Arbeitstag  verlängert  habe,  statt  ihn  zu  kürzen,
weil  dadurch  die  Anstrengung  schwerer  statt  leichter  geworden  sei.
In  der  Tat,  die  Entgeistigung  der  Arbeit  hat  teilweise  ein
Maximum  erreicht,  die  Einzelarbeit  des  Menschen  ist  vielfach
auf  eine  rein  mechanische  Stufe  herabgedrückt.  Andererseits
kann  aber  doch  nicht  ganz  geleugnet  werden,  daß  die  Mechanisierung ­
  der  berufsmäßigen  Maschinenarbeit  geistige  Kräfte  frei
gemacht  hat.  Unter  den  Förster  Webern  wurde  in  137  Fällen
konstatiert,  daß  der  Arbeiter  dadurch,  daß  ihm  die  Maschine  gewisse ­
  Arbeiten  abnimmt,  geistig  gewinnt.  Übrigens  zeigt  ja  auch
die  Masse  der  mechanisch  tätigen  Weber  heute  eine  höhere  Intelligenz ­
  als  die  Masse  der  früheren  Handweber,  deren  Tätigkeit
doch  weniger  monoton  und  mechanisch  war,  als  die  des  mechanischen ­
  Webers  es  ist.
Ein  Förster  Weber  schreibt:  „Ich  habe  der  Maschine  gegenüber ­
  nicht  die  Empfindung,  als  sei  sie  ein  übergeordnetes  Etwas,
deren  wohlfeilster  und  entbehrlichster  Teil  ich  bin,  sondern  sie
erscheint  mir  als  ein  willfähriges  Werkzeug  oder  als  mein  „Brotpferd“, ­
  wie  ich  schon  öfters  scherzend  gesagt  habe.  Meine  Werktagsarbeit ­
  macht  mir  auch  wirklich  noch  Freude,  weil  ich  sie
nicht  sklavisch  tue,  sondern,  wie  alle  meine  Arbeiten,  mit  Liebe
und  Gewissenhaftigkeit.  Dadurch,  daß  ich  täglich  und  stündlich
dieselben  Verrichtungen  zu  machen  habe,  werden  sie  zu  etwas
längst  Gewohntem,  das  nicht  einmal  das  ganze  Interesse  in  Anspruch ­
  nimmt  und  ermöglicht,  auch  an  außerhalb  liegende  Dinge
zu  denken.  Sogar  Vergnügen  macht  mir  die  einförmige  Arbeit
am  Webstuhl.  Wenn  die  Webschützen  fast  unsichtbar  hinüber
und  herüber  gleiten,  und  auch  sonst  alles  seinen  gewohnten  Gang
geht,  wenn  der  dumpfe  Stoß  und  Schlag  der  Treiber  Takt  in  das
Tohuwabohu  der  tastenden  Maschinen  bringt,  dann  ist  es  rnir
oft,  als  ob  der  rasche  Takt  der  Maschinen  sich  mir  mitteilt  Und
einen  inneren  Anschluß  herstellt.  In  bezug  auf  dieses  Wechselverhältnis ­
  denke  ich  immer  an  das  Goethewort:
„Und  nach  dem  Takte  reget
Und  nach  dem  Maß  beweget
Sich  alles  an  mir  fort.“

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