Full text : Die Arbeiterfrage

„Bin  ich  einige  Tage  ohne  Arbeit,“  schreibt  ein  Weber,  „so
sehne  ich  mich  nach  ihrer  schönen  Regelmäßigkeit  zurück.“
Solche  harmonischen  Wechselwirkungen  bildeten  naturgemäß
nur  Ausnahmen.  Ein  Berliner  Plüschweber:  „Ich  verrichte  immer
dieselbe  Arbeit:  Doppelplüsch.  Der  Widerwille  dagegen  richtet
sich  in  einer  Mißstimmung  gegen  die  ganze  Umgebung.  Die
Zeit  vergeht  zu  langsam.  Eine  Stunde  Arbeitszeit  wird  zur  Ewigkeit. ­
  Und  dann:  die  Arbeit  ist  ganz  weiß.  Alles  weiß:  die  Kette,
die  Poile,  der  Schuß,  alles  weiß.  Die  gewebte  Ware  auch  weiß.
Das  Auge  hat  keinen  Anhaltspunkt.  Ein  Haß  gegen  die  bestehenden ­
  Einrichtungen  erfüllt  die  Seele,  weil  gar  kein  Mensch
die  Anstrengungen  sieht,  immer  gleich  der  Maschine  auf  dem
Posten  sein  zu  müssen.“  Ein  anderer  Berliner  Weber  beschreibt
in  ca.  ioo  Seiten  das  Eldorado,  wie  er  seine  Fabrik  nennt,  und
äußert  sich  zu  dem  Kapitel  Arbeitsfreude  wie  folgt:  „Zu  der
langen  Arbeitszeit  und  dem  niedrigen  Verdienst  kommt  noch  die
den  Geist  verblödende  Eintönigkeit  und  Gleichmäßigkeit  der
Arbeit  selbst.  Es  ist  ewiges  Einerlei  von  früh  bis  spät.  Ob  ich
webe,  ob  ich  die  Ketten  oder  Poilen  aufbäume  oder  ob  ich
Faden  um  Faden  andrehe  oder  ankere,  alles  zum  Sterben  langweilig, ­
  eintönig,  einschläfernd  und  ermüdend.  Es  ist  vollständig
gleichgültig,  ob  ich  diesen  oder  jenen  Artikel  webe,  ob  ich
auf  Konfektionsplüsch-,  Stoffe-,  Tücher-,  Chenille-,  Phantasie-,
Leinwand-  oder  Kleiderstoffe  arbeite,  die  Arbeit  selbst  bietet
keinerlei  Abwechslung,  die  Eintönigkeit  und  Gleichmäßigkeit  des
Arbeitens  ist  immer  dieselbe.  So  stehe  ich  denn  an  meinen  Platz
gebannt,  Stunde  um  Stunde,  und  sehe  der  rastlos  arbeitenden
Maschine  zu.  Mechanisch  wiederholen  sich  dieselben  Handgriffe,
wenn  die  eingelegte  Spule  abgelaufen  ist.  Das  ist  die  einzige  Beschäftigung, ­
  höchstens  daß  nochmals  hin  und  wieder  ein  Faden
reißt,  der  geknüpft  werden  muß.  Die  Hauptbeschäftigung  ist
Stehen  und  Beobachten.  Öfters  erfaßt  mich  eine  Arbeitswut,  die
Unruhe  der  Maschine  überträgt  sich  dann  auf  mich.  Dann  laufe
ich  um  den  Stuhl  herum,  und  dann  möchte  ich  der  Maschine
helfen,  daß  sie  noch  schneller  arbeitet.  Die  Einwirkungen  einer
monotonen,  inhaltslosen  Beschäftigung,  die  Langweiligkeit  des
Arbeitsprozesses,  die  Sorge,  zu  wenig  zu  verdienen,  alles  trägt
dazu  bei,  die  Arbeit  zur  Qual  und  zur  Unruhe  zu  gesltalten.  Betrachte ­
  die  Maschine  als  meinen  Feind,  wenn  sie  so  gleichmäßig,
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