fullscreen: Kapitalismus und Sozialismus

verdientes und unverdientes Einkommen 89 
davon sein, daß der eine tüchtiger ist wie der andere, daß er mehr 
Giftet wie dieser, und daß er daher vom Publikum mehr aufgesucht 
wird. Es läßt sich doch aber nicht verkennen, daß der eine hierbei 
auch durch äußere Umstände, auf die er selbst keinen Einfluß hat, 
wehr begünstigt sein kann wie der andere. Der eine ist durch einen 
Zufall rasch in weiten Kreisen bekannt geworden, der andere hatte 
»icht dieses Glück. Dder der eine kam in eine rasch wachsende Gegend, 
der andere erfuhr die Enttäuschung, daß entgegen den Erwartungen, 
die er vielleicht berechtigterweise hegen konnte, die Stadt, in der 
Er sich niederließ, nur langsam oder gar nicht sich entwickelte. Ist es 
nicht bei dem Einkommen vieler industrieller Unternehmer genau 
Ebenso? Die großen Gewinne werden allerdings regelmäßig den 
begabten und tüchtigen Elementen zufallen, welche die wirtschaft 
liche Konjunktur richtig zu beurteilen verstehen, allein im einzelnen 
unterscheiden zu wollen, was Verdienst und was Glück war, das 
geht über unsere Kraft. Und selbst auf das Einkommen der Lohn 
urbeiter läßt sich diese Betrachtungsweise bis zu einem gewissen 
Erade anwenden. 
Das alles trifft indessen noch nicht den Kern der Sache. Der Kern 
bleibt doch die Frage, inwieweit wir uns in unserem Gewissen mit der 
Tatsache des Bezugs eines arbeitslosen Einkommens durch Personen 
ubfinden können, die an der volkswirtschaftlichen Produktion nicht oder 
wenigstens nicht entsprechend ihrem Einkommen beteiligt sind. 
Zunächst wird da wohl niemand widersprechen, wenn wir an jeder 
mann, der arbeiten kann, die sittliche Forderung stellen, daß er 
irgendeine gesellschaftlich nützliche Tätigkeit ausübt, und zwar nicht 
nur „um eine Beschäftigung zu haben", sondern als Beruf, d. h. mit 
Angabe aller Kräfte des Körpers und des Geistes. Niemand hat 
bas Recht, ein Drohnendasein zu führen. Es ist aber auch ganz 
falsch, wenn man in den unteren Schichten glaubt, das Leben der 
wichen Klassen sei nur ein fortgesetzter Müßiggang. Ich habe lange 
3 eit in einer der reichsten Städte Deutschlands gelebt und habe dort 
viel Gelegenheit zu Einblicken in die Lebensweise der oberen Zehn
	        
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