Full text : Finanzwissenschaft

B.  VII.  Abschnitt.  Die  Steuerüberwälzung.  309
daß  die  Steuer  dasselbe  überhaupt  nicht  erreicht,  sondern  auf  dem
Steuerzahler  haftet. 1 )
2.  Jedes  Steuersubjekt,  sofern  es  Produzent  ist,  setzt  den  Preis
seiner  Produkte  in  der  Weise  fest,  daß  aus  dem  Verkaufspreise  der
Produkte  zweierlei  Ausgaben  bestritten  werden  können:  einmal  die
Gestehungskosten,  dann  die  Kosten  der  eigenen  Lebenshaltung.
Diese  durch  die  Befriedigung  der  Bedürfnisse  des  Produzenten
verursachten  Ausgaben  sind  im  weiteren  Sinne  gleichfalls  zu  den
Produktionskosten  zu  rechnen.  Indem  der  Staat  das  Einkommen
besteuert,  verwickelt  sich  dieser  Prozeß,  denn  die  Steuer  ist  eigentlich ­
  aus  dem  Einkommen  zu  leisten,  wodurch  natürlich  der  Fond
zur  Befriedigung  der  Bedürfnisse  geschmälert  wird.  Hieraus  entspringt ­
  die  Neigung,  das  Bestreben,  die  Steuer  zu  den  Gestehungskosten ­
  zu  rechnen, 2 )  was  wieder  zu  der  Auffassung  führt,  daß  jeder
Produzent  tatsächlich  von  dem  Bestreben  geleitet  ist,  die  Steuer
von  jenen  bezahlen  zu  lassen,  die  die  von  ihm  dargestellten  Güter
oder  dargebotenen  Leistungen  erwerben.  Dies  geschieht  derart,
daß  der  Preis  der  Güter  resp.  Leistungen  in  der  Weise  festgesetzt
wird,  daß  in  demselben  auch  die  bezahlte  Steuer  ihre  Deckung
findet.  Dies  nennen  wir  Steuerüberwälzung.  Die  Steuerüberwälzung ­
  ist  daher  das  den  Verkehr  der  Güter  begleitende  Vorgehen, ­
  wonach  das  Steuersubjekt  die  zu  seiner  Last  festgesetzte
Steuer  bei  für  dasselbe  günstiger  Lage  der  Preisbildung  auf  jene
abstößt,  mit  denen  es  einen  Verkehrsakt  eingeht.
Die  Steuerüberwälzung  nimmt  in  der  finanzwissenschaftlichen
Theorie  einen  ansehnlichen  Raum  ein,  namentlich  in  der  englischen
Theorie  hat  sie  vielfach  polemische  Erörterungen  gefunden.  Es
handelt  sich  eigentlich  um  eine  Erscheinung  der  Preisbildung,  der
die  Steuerüberwälzung  als  Erklärung  dient,  nicht  immer  aber  als
Ursache,  wohl  aber  als  Veranlassung,  als  Gelegenheit.  Ohne  die
entsprechende  Disposition  des  Marktes,  des  Angebotes  und  der
Nachfrage  ist  sie  eine  Fiktion.  Dies  läßt  sich  leicht  aus  folgender
Analyse  begreifen.  Auf  jedem  Markte  gestaltet  sich  unter  dem
Einfluß  von  Angebot  und  Nachfrage  der  Preis  in  der  Weise,  daß
mit  Berücksichtigung  der  Marktverhältnisse  das  Angebot  stets  nach
dem  höchsten,  die  Nachfrage  stets  nach  dem  niedrigsten  Preis  strebt.
Im  Preise  sind  die  aktuellen  Verhältnisse  von  Angebot  und  Nachfrage ­
  vollständig  erschöpft,  es  existiert  kein  unerklärtes,  ursachloses
Vakuum,  in  dem  die  Steuerüberwälzung  Platz  fände.  Das  Bestreben
nach  Überwälzung  der  Steuern  kann  das  Verhältnis  von  Angebot
’)  Kaizl,  Finanzwissenschaft,  II.  Teil,  8.  233.
2 )  Gegen  diese  Auffassung  siehe  Vocke,  Die  Steuer,  8.  369.
            
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