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mögliche Bedürfnisbefriedigung, sondern nur im Aufschub eines
Genusses, im „Warten“, wobei es sich auch für Marshall,
genau wie für Senior, um ein echtes Opfer handelt, das ent-
sprechend entschädigt werden muß, wenn es dargeboten werden
soll?!). Wenn nun ein Wirtschaftssubjekt auch beim Zinse Null
spart, das Warten für dieses also offenbar kein Opfer involviert,
so liegt doch der Gedanke nahe, daß in diesem Falle überhaupt
keine besondere persönliche Leistung vorliegt, sondern man hier
mit einer Fiktion arbeitet, wenn man von einem besonderen
Produktionsfaktor spricht.
Das scheint Cassel zu übersehen. Cassel, der — wenn man
seine Preis- und Verteilungstheorie unter der Lupe der Wert-
theorie betrachtet — allein das Wertprinzip als Erklärungsprinzip
verwendet?), stellt, wie man aus den Bemerkungen gegen-
über Marshall folgern muß, Arbeitsleistung und Dienst des
Wartens insofern auf eine Stufe, als letzterer für ihn auch dann
vorliegt, wenn er für den Kapitalisten kein echtes Opfer in-
volviert, genau wie die Arbeitsleistung, die, auch wenn sie für
das Wirtschaftssubjekt nicht als Opfer erscheint, immer als
Leistung betrachtet und ihr demgemäß vom Produktwert
etwas zugerechnet wird. Diese Auffassung der Dinge halten
wir für recht bedenklich. Während bei der Arbeitsleistung
immer ein aktives Tun vorliegt, so handelt es sich bei dem so
behaupteten Dienste des Wartens doch nur um eine Unter-
lassung, und zwar um ein Unterlassen, das nicht etwa durch
irgendeine Entschädigung erzwungen werden muß, sondern
das für das betreffende Wirtschaftssubjekt unter den gegebenen
Verhältnissen bestmöglichste Wirtschaftsführung bedeutet —
unter der Voraussetzung, daß für unser Wirtschaftssubjekt
Böhm-Bawerks erster und zweiter Grund nicht in Frage
kommen. . Wie die Dinge liegen, wenn die beiden ersten Gründe
in Wirksamkeit sind, werden wir nachher erörtern. Wenn also
Ferdinand Lassalle die Abstinenztheorie dadurch lächerlich
zu machen sucht, indem er die großen Millionäre Europas als
ı) Marshall, a. a. O., S. 263, 576. Vgl. auch Böhm-Bawerk, Geschichte
ınd Kritik, S. 483/84,
2) Cassel, Theorie, S. 77, 150/52. Cassel. Grundgedanken, S. 64/65.