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theorie als genügenden Erklärungsversuch des Zinsphänomens
ansieht oder eine andere Theorie an ihre Stelle zu setzen wünscht.
Gehen wir einen Schritt weiter und untersuchen, ob die
Abstinenztheorie für die Fälle, wo der erste und zweite Grund
Böhm-Bawerks beim Sparer eine Rolle spielen, wo sie also
auf den ersten Blick gut auf die Erscheinungen der Wirklichkeit
zu passen scheint, eine logisch einwandfreie und den Tatsachen
entsprechende Erklärung des Zinses zu liefern vermag. Wäre
das der Fall, so könnte man noch von einer gewissen Berechtigung
der Abstinenztheorie sprechen. Aber gerade gegen diesen
eigentlichen Kernpunkt der Abstinenztheorie hat Böhm-Bawerk
zwei Einwände erhoben.
Der erste Einwand, der auch von Schumpeter ausdrücklich
übernommen wird!), geht dahin, daß bei der Abstinenztheorie
eine unzulässige Doppelrechnung vorliege. ‚Ich halte
es nämlich für einen logischen Fehler, den Genußverzicht, den
Genußaufschub oder die Enthaltung als ein zweites selbständiges
Opfer neben der in der Produktion aufgeopferten Arbeit hinzustellen‘“?),
so wendet Böhm-Bawerk ein.
schließlich, als daß man schlechthin den Kapitalzins als „Lohn der Enthaltung‘
erklären könnte‘ (Böhm-Bawerk, Geschichte und Kritik, S. 248).
Demnach liegt doch eben die Schwäche der Abstinenztheorie darin, daß
der Kapitalzins nicht immer ein Lohn der Enthaltung ist, daß hier ein
gleicher Preis für höchst ungleiche Leistungen bezahlt wird. Das ist aber
unmöglich. Gleiche Leistungen müssen immer gleich bezahlt werden. Das
von Böhm-Bawerk angeführte Beispiel von den Grundstücken verschiedener
Qualität, wonach für die Produkte der fruchtbareren Grundstücke
derselbe hohe Preissatz bezahlt wird, wie ihn die Produktionskosten der
unfruchtbarsten in Kultur genommenen Grundstücke erfordern (Böhm-Bawerk,
Geschichte und Kritik, S. 248), paßt nicht auf unseren Fall. In
Böhm-Bawerks Beispiel werden ungleiche Leistungen mit ungleichen
Preisen bezahlt, in unserem Falle werden dagegen ungleiche Leistungen
zum gleichen Satze entlohnt. Wenn eine gewisse Gruppe von Wirtschaftssubjekten
dieselbe. Qualität Arbeit liefert, jedoch für den einzelnen
Arbeiter das Arbeitsopfer ein verschieden großes ist, so liegt doch immer
dieselbe Arbeitsleistung vor, die immer mit dem gleichen Preise bezahlt
wird. Nicht so in unserem Falle. Involviert der Genußaufschub überhaupt
kein Opfer bzw. ein kleineres als das die Zinshöhe bestimmende
Opfer des Grenzkapitalisten, so liegt teilweise überhaupt keine Leistung,
teilweise eine geringere Leistung als die des Grenzkapitalisten vor.
;) Schumpeter, Entwicklung, S. 48.
?) Böhm-Bawerk, Geschichte u. Kritik, S. 249 (Unterstreichung
stammt von Böhm-Bawerk).