Metadata: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Weltanschauung. 
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lebhafteste Bedürfnis überschwenglicher Verehrung empfunden. 
Mit dem Gedanken der Lebensfreudigkeit aber verband sich 
ziese Heroensehnsucht bei Nietzsche durch die Idee des starken 
Willens. In seinem Kampfe gegen alles, was Verzweiflung 
im Leben heißen könnte, bediente sich Nietzsche als wirksanmister 
Waffe des Glaubens an die stärkende Kraft des Schaffens und 
in die allbesiegende Gewalt des machtvollen Willens. Daß 
Schaffenslust und Willensstärke alles vermögen, das war seine 
innigste Überzeugung, und er hat sie im Martyrium seines 
Lebens als Blutzeuge besiegelt. Schaffenslust und Willensstärke 
aber: ist das nicht das Genie, der Held? 
Auf diesem Heroenkult, auf diesem Satze vom starken 
Schaffen baut sich Nietzsches Denken empor, wenn es aus den 
Niederungen des Lebens aufblickt zu den Höhen der Wieder—⸗ 
geburt. Und so sehr klammert es sich an diesen Kult, daß 
ihm ein starker Wille alles gilt, daß er ihm sogar indifferent 
erscheint gegenüber den Normen der bestehenden Sittlichkeit, daß 
er ihm ein Wille ist zum Guten wie zum Bösen, ja, gemessen 
an der verpesteten Sittlichkeit unserer Zeit viel mehr noch zum 
Bösen: daß er ihm die starke Willkür wird früherer, besserer 
Zeiten, da das Wollen noch nicht an die tausend schlechten 
Konvenienzen einer mißleiteten Kultur gebunden war, daß er 
ihm zum Willen zur Macht an sich wird, zum Willen der aus 
der gewöhnlichen Menge der Sterblichen herausstrebenden Geister, 
zum Willen der „blonden Bestie“. 
Diesen Willen wieder aufleben zu lassen in einer untrüg⸗ 
lichen, hohen Idealen zugewandten Bethätigung seines Strebens, 
das erscheint Nietzsche als das große Ziel der Zukunft. Und 
im dies Ziel zu begründen und begreiflich zu machen, bildet 
er in seiner „Genealogie der Moral“ den ganzen Inhalt und 
Verlauf der Geschichte dem ursprünglich vorausgesetzten Zustand 
der „blonden Bestie“ wie dem ersehnten Ideale des „Über⸗ 
menschen“ an. Zwei Geschlechter der Menschen, voneinander 
stark und fast durch physiologische Unterschiede getrennt, ziehen 
sich durch die Zeiten der Geschichte: Herren und Sklaven, 
Willensstarke und Willensschwache, Vorbereiter der Zukunft
	        
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