Der historische Charakter des menschlichen Seelenlebens. 199
jene Egoismustheorie ersinnen können, wie sie bei uns geschaffen
wurde!). — Auch den Ekel vor bestimmten Nahrungsmitteln wie Pferde-
fleisch oder gar Menschenfleisch oder vor unsauberen Dingen wie dem
Kot würde man mit Unrecht für einen unmittelbaren Ausfluß der mensch-
lichen Natur halten. Wir können in manchen Fällen historisch verfolgen,
wie der Ekel vor bestimmten Gegenständen in besonderen geschichtlichen
Zusammenhängen entstanden ist. Wir können für jeden derartigen
Gegenstand Stämme finden, bei denen dieser Ekel nicht besteht oder
jene Gegenstände sich sogar einer besondren Wertschägung erfreuen”).
Verfehlt ist endlich die bekannte Auffassung des mittelalter-
lichen Hexenglaubens, die in -ihm eine kaum begreifliche Anhäufung
von Ausgeburten zügelloser Phantasie erblickt. Vorausgesegt ist dabei,
daß dasjenige, was wir heute als Vernunft schägßen, zu allen Zeiten vor-
handen war oder von Rechts wegen hätte vorhanden sein müssen. Tat-
sächlich ist jedoch das streng rationelle Denken, wie es das Wesen unserer
Wissenschaft ausmacht, eine junge geschichtliche Erwerbung des west-
europäischen Kulturkreises, so jung, daß sie ihren eigenen Trägern noch
lange nicht in Fleisch und Blut übergegangen ist, vielmehr außerhalb
ihres engen Fachkreises sie häufig vollständig im Stich läßt. Man braucht
dabei gar nicht an die politischen Urteile auch großer Gelehrter zu
denken, die sich über das durchschnittliche logische Niveau dieses Ge-
bietes oft nicht erheben. Schon beim Übergang auf ein anderes Gebiet
als das eigene Fach zeigt sich dasselbe: „Ein Naturforscher, der, auf sei-
nem eigensten Felde arbeitend, mit aller gebotenen Vorsicht vorgeht, er-
laubt sich manchmal auf einem Geistesgebiet in der frivolsten Weise ab-
zusprechen. Es ist, als ob er, die Grenze überschreitend, plöglich ein
anderer Mensch geworden wäre und seinen ganzen, durch wissenschaft-
liche Übung wohldisziplinierten Charakter verloren hätte‘“*). In Wirk-
lichkeit liegt in solchen Fällen nicht ein ausnahmsweises Nachlassen einer
der ganzen Menschheit von Haus aus eigenen Leistungsfähigkeit vor,
sondern umgekehrt hat sich ein kleiner Bruchteil der Menschheit in der
Wissenschaft und einigen verwandten Gebieten über ihr bisheriges und
sonstiges Verhalten hinaus ausnahmsweise zu einer strengen Rationalität
des Denkens erhoben. Von Haus aus trägt das menschliche Denken, so-
weit es sich über die bloße Wiedergabe der einfachsten Wahrnehmungen
erhebt, nicht diesen rationellen Charakter, sondern ist emotional-volitio-
nistisch unter starker Mitwirkung der Phantasie gefärbt. Daraus ergehen
pP.
1) Vgl. zu dem Vorstehenden in stofflicher Hinsicht meinen Aufsag über primi-
tive Sittenreinheit im Globus Bd. 72.
2) Julian Hirsch in der Zeitschrift für Psychologie, Bd. 88. S. 337.
3) Franz Brentano bei Utit. Kantstudien Bd. 22 S. 221]