Full text : Kapitalismus und Sozialismus

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bewähren  will  als  die  Kraft,  die  die  abgelebte  alte  Gesellschaft  zu  einem
höheren  Dasein  emporhebt.
Gerade  unsere  Tage  zeigen  uns,  daß  es  nicht  damit  abgetan  ist,-wenn
  man  die  Macht  gewinnt,  daß  dies  sogar  schädlich  werden,  zu
Rückschlägen  führen  kann,  wenn  es  vorzeitig  geschieht,  che  man  die
Fähigkeit  erlangt  hat,  die  Macht  festzuhalten,  was  nur  demjenigen ­
  gelingt,  der  imstande  ist,  sie  zweckmäßig  auszuüben.
Das  Proletariat  mit  Wissen  zu  füllen,  das  Monopol  der
besitzenden  Klassen  auf  W  i  s  s  e  n  zu  brechen,  ist  ebenso  wichtig  wie  das
Brechen  des  Monopols  der  Kapitalisten  aus  den  Besitz  der  Staatsgewalt ­
  und  der  Produktionsmittel.  Nur  ein  Proletariat,
das  brennender  Durst  nach  Wissen  erfüllt,  wird  seiner  großen  historischen ­
  Aufgabe  gewachsen  sein.
Und  das  Zeitalter  der  sozialen  Revolution,  das  mit  dem  Ende
des  Weltkrieges  eingesetzt  hat,  bringt  dem  Proletariat  nicht  nur  eine
Fülle  schwerer  Aufgaben,  sondern  auch  eine  Verbesserung  der  Bedingungen, ­
  ihnen  gerecht  zu  werden.
‘  Vor  allem  ist  der  Achtstundentag  als  Maximalarbeitstag  allenthalben ­
  zur  Wahrheit  geworden  und  damit  die  Zahl  der  Stunden  im
Tage  vermehrt,  während  denen  der  Arbeiter  sich  selbst  und  seiner  Sache
gehören  kann.  *
.  Dieser  Fortschritt  wird  heute  noch  nicht  vollständig  fühlbar,  da
der  Arbeiter  augenblicklich  seine  freie  Zeit  oft  im  Suchen  nach  Lebensmitteln ­
  vergeuden  muß.  Und  in.  seinem  Zustand  der  Unterernährung
erschöpft  ihn  leicht  achtstündige  Arbeit  ebensosehr  wie  ehedem  zehnstündige ­
  und  läßt  ihm  wenig  Kraft  für  die  Arbeit  zur  Erweiterung
seines  Wissens  und  zu  dessen  Anwendung  im  Dienste  des  Sozialismus.
Erst  wenn  die  Nahrungsschwierigkeiten  überwunden  sind,  wird
die  Verkürzung  der  Arbeitszeit  ihre  volle  Bedeutung  für  die  geistige
Höherentwicklung  der  Arbeiterschaft  gewinnen.
Aber  wer  unter  den  Proletariern  es  kann,  muß  heute  schon  irrt
Interesse  seiner  Klasse,  im  Interesse  der  sozialen  Revolution  alles  aufbieten, ­
  -  um  sein  Wissen  zu  erweitern.  Die  Verkürzung  der  Zeit  der
Arbeit  im  Produktionsprozeß  soll  doch  nicht  eine  bloße  Verlängerung
der  Zeit  für  Karten  und  Kinos  bedeuten.
Wer  immer  aber  sich  daranmacht,  den  Kapitalismus  und  den  aus
diesem  zu  entwickelnden  Sozialismus  zu  studiereir  und  sich  zu  einem
bewußten  Kämpfer  für  unsere  große  Sache  zu  bilden,  der  wird  keinen
besseren  Ausgangspunkt  finden  als  die  Gespräche,  die  unser  Freund
Eckstein  „zur  Einführung  in  die  Grundbegriffe  des  wifsenschaftlichen
Sozialismus"  niederschrieb.
Sie  verdienen  die  weiteste  Verbreitung.
B  e  r  l  i  rr,  März  1920.

Karl  Kautsky.
            
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