Full text : Kapitalismus und Sozialismus

werde  mich  nicht  dazu  gebrauchen  lassen,  auf  Proletarier  zu  schießen,  nur
um  den  Geldsack  zu  verteidigen.  Lieber  lasse  ich  mich  selber  erschießen."
„Recht  hast  du",  stimmte  Wilhelm  begeistert  zu.  „Ich  bin  kein  Sozia!-demokrat.
  Aber  ich  bin  auch  keine  Sklavenseele.  Sollen  doch  die  Reichen  ihre
Angelegenheiten  selber  mit  den  Armen  ausmachen!  Ich  bin  nicht  dazu  da,
sie  vor  den  Folgen  ihrer  eigenen  Habsucht  zu  schützen.  Was  sie  sich  eingebrockt ­
  haben,  das  sollen  sie  nur  auch  selber  essen."
„Nun,  nun,"  beschwichtigte  ich,  „ihr  redet  ja  beide,  als  sollte  morgen
die  blutige  Revolution  ausbrechen.  Das  kommt  aber  daher,  daß  Karl  meinte,
es  gäbe  keinen  anderen  Ausweg  aus  der  immer  ärger  werdenden  Sklaverei
als  die  Besetzung  der  Fabriken  dnrch.die  dort  tätigen  Arbeiter."
„Was  soll  es  denn  aber  sonst  noch  für  einen  Ausweg  geben?"  fragten
nun  Karl  und  Wilhelm  wie  aus  einem  Munde.
„Du  sagtest  vorhin,  Wilhelm,"  fuhr  ich  fort,  „der  Staat  werde  es  nicht
zulassen,  daß  die  Arbeiter  von  den  Fabriken  Besitz  ergreifen.  Warum  glaubst
du  das  eigentlich?"
„Aber  das  wäre  doch  Revolution!"  erwiderte  Wilhelm.  „Der  Staat
kann  doch  nicht  erlauben,  daß  einer  dem  anderen  fein  Eigentum  wegnimmt.
Da  würde  doch  alle  Rechtssicherheit  aufhören."
„So?"  gab  ich  scharf  zurück.  „Glaubst  du  das  wirklich?  Als  die  Bauern,
dein  eigener  Urgroßvater,  bei  ihrer  „Befreiung"  um  einen  großen  Teil  ihres
Landes  gebracht  wurden,  als  Karls  Großvater  durch  den  Möbelhändler,  sein
Großonkel  durch  den  Bauspekulanten  um  Hab  und  Gut  gebracht  wurden,
als  mein  Vater  um  den  Ertrag  seiner  Erfindung  geprellt  wurde:  wo  wa«
denn  da  der  Staat?  Hat  ep  sich  da  auch  um  die  „heiligen  Rechte  des  Eigentums" ­
  gekümmert?"
„Das  ist  aber  doch  etwas  ganz  anderes",  erwiderte  Wilhelm  etwas
verlegen.  „All  dieses  Unrecht,  das  du  da  erwähnst,  ist  doch  in  rechtlicher
Form  geschehen;  die  das  Unrecht  verübten,  haben  doch  kein  Gesetz  übertreten.
Die  Arbeiter  aber,  die  den  Fabrikanten  seiner  Fabrik  berauben,  begehen
doch  damit  ein  Verbrechen."
„Warum  ist  aber  gerade  das  ein  Verbrechen,"  unterbrach  Karl  lebhaft,
„das  Ruinieren  eines  armen  Tischlers  oder  Chemikers  ist  aber  keines?  Weil
eben  dieselben  Leute,  die  den  armen  Bauern,  den  Tischler,  den  kleinen  Schlosser
u.  s.  w.  ausplündern,  selbst  die  Gesetze  machen.  Darum  erklären  sie,  es  ist
kein  Verbrechen,  die  Armen  auszuplündern,  es  ist  aber  eines,  den  Reichen
etwas  wegzunehmen."
„Nun  ja,"  erwiderte  Wilhelm  lachend,  „wenn  einmal  die  Arbeiter
Gesetze  machen,  dann  werden  sie  den  Spieß  umdrehen.  Dann  wird  es  ein
Verbrechen  sein,  den  Armen  zu  schaden,  sie  auszubeuten,  und  es  wird  keines
sein,  den  Reichen  etwas  wegzunehmen."
„Du  brauchst  darüber  gar  nicht  zu  lachen",  entgegnete  ich.  „Jede  Klasse,
die  über  den  Staat  herrscht,  macht  ihn  zu  ihrem  Werkzeug.  Deshalb  ist  es
für  das  Proletariat  eben  unbedingt  vor  allem  notwendig,  die  Staatsgewalt
an  sich  zu  bringen,  um  dadurch  dem  Unternehmertum  seine  Machtmittel  zu
entwinden."
„Aha,  jetzt  verstehe  ich,  warum  die  Sozialdemokraten  so  ein  großes
Gewicht  auf  die  Reichstags-  und  Landtagswahlen  legen",  meinte  nun  Karl
nachdenklich.  „Die  Zahl  ihrer  Stimmen  und  ihrer  Mandate  schwillt  immer
mehr  an,  und  so  müssen  sie  doch  mit  der  Zeit  die  Mehrheit  bekommen,  und
dann  machen  sie  die  Gesetze."
            
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