Full text: Kapitalismus und Sozialismus

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„Nun, ihr habt so da einen recht großen Wunschzettel zusammen 
gestellt/' mischte ich mich wieder ins Gespräch, „aber wenn das Proletariat 
wirklich einmal zur Macht gelangt, und das wird es, dann werden es sicher 
lich solche Forderungen sein, die es zuerst durchzusetzen suchen wird. Was 
bleibt aber dann noch von der ganzen kapitalistischen Herrlichkeit? Durch 
euer schönes Programm würde ja der ganze Profit der Kapitalisten auf 
gezehrt: diese könnten daher die Produktion gar nicht fortsetzen." 
„Das werden wir dann schon besorgen," rief da Karl lachend. „Die 
»Mühe werden wir den Herren gern abnehmen." 
„Aber trifft denn dann nicht doch wieder das zu, was du vorhin da 
gegen eingewendet hast, daß die Arbeiter die Fabriken in Besitz nehmen?" 
meinte nun wieder Wilhelm zweifelnd. 
„Durchaus nicht," ntaegnete ich. „Denn diese Bedenken gelten ja nur 
für den Fall, daß die Arbeiter der einzelnen Fabriken von diesen Besiß ei 
nreisen. Wenn aber die von den Arbeitern beherrschte Staatsgewalt das int. 
dann wird eben auch nicht mebr kavitaliftisch produziert, sondern sarialtftifch. 
Dann wird die ganze Broduktion einheitlich gereartt, aber nicht im Interesse 
einiger weniger, sondern im Interesse der Gesamtheit der arbeitenden 
Menschen." 
..Werden dann aber auch die Arbe7tsbr>dinaunaen wesentltw, aebetfprt 
werde!' können?" inarf Wilbelm nachdenklich ein. ..Wenn wirklich, wie du 
sagst, der ganze Profit durch unsere Forderungen weggenommen und auf 
gebraucht wird, dann find natürlich die Arbeitsbedingungen besser geworden: 
die Arbeitszeit ist verkürzt, die Löbne sind durch die ungehinderte Wirksam 
keit der Gewerkschaften gesteigert. Schubvorrichtunaen. Bentilationen u. s. w. 
find besser. Aber so sebr groß kann doch der llnterschted gegen beute n'cht 
fein: denn wenn man heute den ganzen wrofit auf alle Arbeiter aufteilen 
würde, bekäme doch der einzelne nicht besonders viel." 
„So liegt aber auch die Sache nicht," erwiderte ich. „Davon ist doch 
eben nicht die Nede, daß so weitervroduziert wird wie beute, daß nur das 
Produkt anders verteilt wird. Dann wäre dein winwand berechtigt. Aber 
bedenkt, wieviel heute dilrch Krisen, durch die Konkurrenz überhaupt ver 
lorengeht. was für Neklame u. s. w. aufgewendet Wird, ferner wieviel unver 
käuflich bleibt und verdirbt, vor allem aber, wie schlecht noch immer pro 
duziert wird. Würde alles, was heute noch in kleinen Werkstätten erzeugt 
wird, in großen Fabriken hergestellt, so wäre nur ein kleiner Bruchteil ber 
Arbeiter notwendig. Heute wäre das für die Arbeiter ein llnalück. denn 
viele würden entlassen werden, und dadurch würde auch der Lobn der übrigen 
noch gedrückt. In einer vernünftig eingerichteten, in einer sozialistischen Ge 
sellschaft aber wäre das ein Glück für die Arbeiter: denn dann könnte eben 
die Arbeitszeit für alle wesentlich abgekürzt und dabei doch der Vorrat guter 
Produkte erhöht werden." 
„Ja, das ist wahr", gab Wilhelm zu. „Erst wenn man sich so eine ver 
nünftige Wirtschaft vorstellt, sieht man so recht, wie unvernünftig, wie wahn 
sinnig unsere heutige Wirtschaft ist. Aber diese Erkenntnis hat jetzt nichts 
Niederdrückendes nlehr: denn wir sehen ja zugleich den Ausweg aus dieser 
Wüste, wir sehen das gelobte Land, wohin uns die Sozialdemokratie 
führen will."
	        
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