116
♦
Was sollen wir lesen?
„Wilhelm!" rief Kcirl erfreut, als er feinen Freund so sprechen hörte.
„Du kannst es doch nicht mehr leugnen, du bist endlich ein Sozialdemokrat
geworden. Wer so denkt und spricht wie du jetzt, der ist unser Genosse."
„Nun ja," gab Wilhelm zögernd Bit, „manchmal glaube ich es selber,
manchmal zweifle ich wieder, ob ich es bin. Was wir drei jetzt in dieser
langen Zeit miteinander besprochen haben, hat mir viel zu denken gegeben
und mich auch überzeugt, daß die Sozialdemokraten mit ihren Theorien und
ihren Forderungen recht haben. Mer dann höre ich wieder meinen Vater,
wie er die Treue gegen Kaiser und Reich preist und den Sozialdemokraten
vorwirft, daß sie das Vaterland wehrlos machen und verraten: ich spreche mit
meinen Kollegen im Geschäft und höre sie von der Herrlichkeit der deutschen
Nation reden und wie die internationalen Roten dafür kein Verständnis
haben. Neulich spielte auch unser Lehrer in der Handelsschule darauf an,
daß die Arbeiter doch viele Interessen mit ihren Chefs gemeinsam haben.
Bei all dem weiß ich dann nicht jedesmal gleich eine Antwort, und so werde
ich immer wieder schwankend, und deshalb kann ich eigentlich nicht sagen,
daß ich ein wirklicher Sozialdemokrat bin."
„Nun, gegen dieses Leiden gibt es ein einfaches Mittel," entgegnete
ich Wilhelm, „du mußt dich eben mit den Dingen besser vertraut machen,
sie genauer studieren, alle Einwände prüfen. Da wirst du mit der Zeit zu
einer selbstgebildeten Ueberzeugung gelangen, die hieb^ und sttchfest ist."
„Ja, das ist ganz schön," meinte Wilhelm ,„aber wie soll ich denn das
machen? Du wirst wohl auch nicht immer Zeit haben, uns bei jedem Be
denken Rede und Antwort zu stehen."
„Was glaubst du denn eigentlich, wozu der Herr Gutenberg, oder
wer es sonst war, die schwarze Kunst der Buchdruckerei erfunden hat?"
fräste ich lachend. . _ „ „
„Du hast gut spotten," warf Karl ein. „Neulich hast du uns ein Stuck
aus dem „Kapital" von Marx zu lesen gegeben, aber wenn das ganze Buch
so schwer ist, da traue ich mich nicht daran."
', Mit dem „Kapital" kann man freilich nicht den Anfang machen,"
antwortete ich. „Aber wenn man vorher leichter verständliche Schriften
gelesen hat, darf man sich nachher schon auch an die großen Hauptwerke
heranmachen."
„Also aut," unterbrach mich Wilhelm, „dann sage uns, womit wir den
Anfang machen sollen. Ich glaube, vor allem müssen wir doch genauer
wissen, was die Sozialdemokraten wollen und verlangen, wir müssen doch
ihr Programm einmal vornehmen. Wenigstens für mich ist das sehr wichtig,
damit ich doch endlich weiß, ob ich ein Sozialdemokrat bin oder nicht."
„Da hast du ganz recht," erwiderte ich. „Darum ist es gewiß am besten,
wenn ihr zunächst das Buch von Kautsky lest: Das ist „Das Erfurter
Programm"^).
„Ist das aber auch wirklich leicht verständlich?" fragte Karl zweifelnd.
Dieses Buch hat mir schon einmal der „rote Max" zu lesen gegeben, ein
Arbeiter in unserer Fabrik, von dem ich schon öfters gesprochen habe, und
da fand ich die Lektüre doch nicht gar leicht."
i) Stuttgart, I. H. W. Dieh Nachs. Preis 2 Mk.