Full text : Kapitalismus und Sozialismus

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Was  sollen  wir  lesen?
„Wilhelm!"  rief  Kcirl  erfreut,  als  er  feinen  Freund  so  sprechen  hörte.
„Du  kannst  es  doch  nicht  mehr  leugnen,  du  bist  endlich  ein  Sozialdemokrat
geworden.  Wer  so  denkt  und  spricht  wie  du  jetzt,  der  ist  unser  Genosse."
„Nun  ja,"  gab  Wilhelm  zögernd  Bit,  „manchmal  glaube  ich  es  selber,
manchmal  zweifle  ich  wieder,  ob  ich  es  bin.  Was  wir  drei  jetzt  in  dieser
langen  Zeit  miteinander  besprochen  haben,  hat  mir  viel  zu  denken  gegeben
und  mich  auch  überzeugt,  daß  die  Sozialdemokraten  mit  ihren  Theorien  und
ihren  Forderungen  recht  haben.  Mer  dann  höre  ich  wieder  meinen  Vater,
wie  er  die  Treue  gegen  Kaiser  und  Reich  preist  und  den  Sozialdemokraten
vorwirft,  daß  sie  das  Vaterland  wehrlos  machen  und  verraten:  ich  spreche  mit
meinen  Kollegen  im  Geschäft  und  höre  sie  von  der  Herrlichkeit  der  deutschen
Nation  reden  und  wie  die  internationalen  Roten  dafür  kein  Verständnis
haben.  Neulich  spielte  auch  unser  Lehrer  in  der  Handelsschule  darauf  an,
daß  die  Arbeiter  doch  viele  Interessen  mit  ihren  Chefs  gemeinsam  haben.
Bei  all  dem  weiß  ich  dann  nicht  jedesmal  gleich  eine  Antwort,  und  so  werde
ich  immer  wieder  schwankend,  und  deshalb  kann  ich  eigentlich  nicht  sagen,
daß  ich  ein  wirklicher  Sozialdemokrat  bin."
„Nun,  gegen  dieses  Leiden  gibt  es  ein  einfaches  Mittel,"  entgegnete
ich  Wilhelm,  „du  mußt  dich  eben  mit  den  Dingen  besser  vertraut  machen,
sie  genauer  studieren,  alle  Einwände  prüfen.  Da  wirst  du  mit  der  Zeit  zu
einer  selbstgebildeten  Ueberzeugung  gelangen,  die  hieb^  und  sttchfest  ist."
„Ja,  das  ist  ganz  schön,"  meinte  Wilhelm  ,„aber  wie  soll  ich  denn  das
machen?  Du  wirst  wohl  auch  nicht  immer  Zeit  haben,  uns  bei  jedem  Bedenken ­
  Rede  und  Antwort  zu  stehen."
„Was  glaubst  du  denn  eigentlich,  wozu  der  Herr  Gutenberg,  oder
wer  es  sonst  war,  die  schwarze  Kunst  der  Buchdruckerei  erfunden  hat?"
fräste  ich  lachend.  .  _  „  „
„Du  hast  gut  spotten,"  warf  Karl  ein.  „Neulich  hast  du  uns  ein  Stuck
aus  dem  „Kapital"  von  Marx  zu  lesen  gegeben,  aber  wenn  das  ganze  Buch
so  schwer  ist,  da  traue  ich  mich  nicht  daran."
',  Mit  dem  „Kapital"  kann  man  freilich  nicht  den  Anfang  machen,"
antwortete  ich.  „Aber  wenn  man  vorher  leichter  verständliche  Schriften
gelesen  hat,  darf  man  sich  nachher  schon  auch  an  die  großen  Hauptwerke
heranmachen."
„Also  aut,"  unterbrach  mich  Wilhelm,  „dann  sage  uns,  womit  wir  den
Anfang  machen  sollen.  Ich  glaube,  vor  allem  müssen  wir  doch  genauer
wissen,  was  die  Sozialdemokraten  wollen  und  verlangen,  wir  müssen  doch
ihr  Programm  einmal  vornehmen.  Wenigstens  für  mich  ist  das  sehr  wichtig,
damit  ich  doch  endlich  weiß,  ob  ich  ein  Sozialdemokrat  bin  oder  nicht."
„Da  hast  du  ganz  recht,"  erwiderte  ich.  „Darum  ist  es  gewiß  am  besten,
wenn  ihr  zunächst  das  Buch  von  Kautsky  lest:  Das  ist  „Das  Erfurter
Programm"^).
„Ist  das  aber  auch  wirklich  leicht  verständlich?"  fragte  Karl  zweifelnd.
Dieses  Buch  hat  mir  schon  einmal  der  „rote  Max"  zu  lesen  gegeben,  ein
Arbeiter  in  unserer  Fabrik,  von  dem  ich  schon  öfters  gesprochen  habe,  und
da  fand  ich  die  Lektüre  doch  nicht  gar  leicht."

i)  Stuttgart,  I.  H.  W.  Dieh  Nachs.  Preis  2  Mk.
            
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