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nicht zu lesen. Aber das sage ich euch gleich; zum Lesen des „Manifests"
braucht man viel Zeit. Wer die kleine Broschüre nur durchfliegt, hat gar
nichts davon.
Wenn ihr soweit seid, dann könnt ihr sogar an die Lektüre des
„Kapitals" selbst denken; aber das ist eine schwierige Sache. Darum
empfiehlt es sich, daß ihr vorher noch das erläuternde Buch von Kautsky
■< lest „Marx' Oekonomische Lehren"^). Das empfiehlt sich besonders auch des
halb, weil im 1. Band des „Kapitals" gerade die ersten einleitenden Kapitel
sehr schwer verständlich geschrieben sind. Habt ihr aber die angeführten
Bücher und Schriften gelesen, dann könnt ihr im „Kapital" zunächst die
Kapitel 1 bis 4 überschlagen und bei Kapitel 5 beginnen. Erst wenn ihr den
ersten Band zum erstcnnml ausgelesen habt, dann beginnt nochmals mit
dem ersten Kapitel."
„Ja, isieinst du denn, wir sollen das dicke Buch mehrmals lesen?" fragte
Karl mit einem gewissen Entsetzen.
„Das wird wohl notwendig sein," erwiderte ich. „Natürlich kann malt
ein sehr guter Sozialdemokrat sein, ohne das „Kapital" überhaupt gelesen
zu hohen. Aber wenn man in die Theorie, in die grundlegenden Anschau-
ungen wirklich eindringen, wenn man sie ernstlich verstehen will, dann niuß
man das „Kapital" nicht nur lesen, sondern studieren. Man muß viele
Stellen mehrmals lesen, denn oft bemerkt man erst später, daß man eine
friihere Stelle nicht richtig verstanden hat, oder umgekehrt, sie wird einem
erst im weiteren Verlauf der Lektüre ganz klar. Aber so oft man eins von
den großen Büchern der Weltliteratur wieder studiert, und das „Kapital"
von Marx gehört zu den allergrößten, hat man nicht nur reichen Gewinn,
sondern auch hohen Genuß davon."
„Aber es sind doch, so viel ich weiß, drei Bände," warf Wilhelm ein.
„Genügt es.denn, wenn man nur den ersten liest?"
„Der erste ist freilich besonders für Arbeiter der wichtigste, weil er
den Produktionsprozeß behandelt, das heißt weil er zeigt, dirrch welche
wirtschaftlichen Gesetze unter der Herrschaft des Kapitalismus die Erzeu
gung der Waren beherrscht und geleitet wird. Der Arbeiter ist aber gerade
an der Erzeugung, der Produktion, beteiligt: von seinen Leiden, aber auch
von seinen Hoffnungen ist darum vor allem im ersten Band die Rede. Darum
ist auch int Jahre 1914 eine Volksausgabe des ersten Bandes erschienen,
welche die Lektüre einigermaßen erleichtert.
Wenn man aber das große kapitalistische Getriebe gründlich verstehen
will, dann muß man freilich auch die anderen beiden Bände studieren, beson
ders sind einige Partien der späteren beiden Bände zum vollen Verständnis
auch des ersten Bandes unerläßlich. Bevor man an das eingehende Studium
des ganzen großen Werkes geht, empfiehlt es sich darum, nach der Lektüre
des ersten Bandes zunächst die Kapitel 1, 2, 3, 5, 7 und 8 des zweiten
Bandes und hierauf die Kapitel 1 bis 4, 8 bis 11, und 13 bis 15 des dritten
Bandes zu lesen, dann die Kapitel 20 und 36, endlich die Kapitel 37, 38, 45
und 47 des dritten Bandes.
Am schwierigsten ist wohl der zweite Band, besonders die letzten, dabei
aber wichtigsten Teile; ihre Lektüre wird wird wohl auch am besten zum
7 ) Stuttgart, I. H. W. Dietz Äiachf. Preis 2 Mk.