Full text : Kapitalismus und Sozialismus

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in  vielen  Dingen  sehr  verschieden  dachten,  und  das  färbte  auch  auf  die  Söhne
ab.  Der  Streit,  den  ich  eben  mitangehört  hatte,  war  nicht  der  erste  über
diesen  Gegenstand,  und  bisher  War  es  noch  keinem  von  den  beiden  gelungen,
den  anderen  für  seine  eigene  Ansicht  zu  gewinnen.
Da  sich  Wilhelm  selbst  auf  die  Lehren  des  wirklichen  Lebens  berufen
hatte,  regte  ich  nun  an,  daß  damit  auch  Ernst  gemacht  werden  solle.  Wir
verabredeten,  daß  wir  einander  am  nächsten  Sonntag  wieder  treffen  wollten.
Um  in  der  einfachsten  Weise  festzustellen,  ob  denn  die  Verhältnisse  wirklich  so
unveränderlich  feien,  wie  besonders  Wilhelm  behauptet  hatte,  meinte  ich,  daß
es  das  praktischeste  wäre,  wenn  jeder  von  uns  seinen  Vater  ersuchte,  ihm
seine  Leidensgeschichte  zu  erzählen.  Darüber  wollten  wir  uns  dann  berichten. ­
  Da  würde  sich  ja  gleich  zeigen,  ob  und  wie  sich  die  Verhältnisse  m
'tier  letzten  Zeit  geändert  hätten.  So  schieden  wir  denn  mit  dem  gegenseitigen ­
  Versprechen,  uns  am  folgenden  Sonntag  wieder  zusammenzufinden.

Bauernleben  in  der  guten  alten  Zeit.
Als  wir  wieder  zusammenkamen,  fragten  wir  zunächst  Wilhelm,  was
er  zu  berichten  habe.  Er  wurde  etwas  verlegen,  und  endlich  sagte  er:  „An
meinen  Vater  traue  ich  mich  nicht  recht  heran  mit  so  einer  Frage.  Der  ist
immer  so  streng  gegen^irns  Kinder;  aber  der  Großvater,  der  bei  uns  wohnt,
der  erzählt  gerne,  und  so  habe  ich  den  gefragt,  wie  es  denn  in  seiner  Jugend
ausgesehen  hat,  ob  es  da  viel  anders  war  als  heute;  und  da  erzählte  er  mir
gleich  aus  seinen  Erinnerungen.  Wenn  es  euch  recht  ist,  will  ich  euch  die
Geschichte  ganz  so  wiedergeben,  wie  er  sie  erzählt  hat;  denn  ich  habe  gut  aufgepaßt ­
  und  mir  sie  gut  gemerkt."
Wir  waren  ganz  einverstanden  und  so  begann  ^Wilhelm:
„Du  fragst,  mein  Junge,"  sagte  der  Großvater,  „ob'die  Welt  in  meiner
Jugend  anders  ausgesehen  hat  als  heute?  Das  will  ich  meinen!  _  Wenn
ich  mich  so  zurückerinnere,  wie  alles  damals  war,  so  kommt  es  mir  ganz
wunderlich  vor,  daß  doch  alles  so  geschwind  gegangen  ist.
Mein  Vater  war  Bauer  in  Schlesien,  und  ich  bin  aus  dem  Lande  aufgewachsen. ­
  Als  ich  aber  unlängst  zum  Begräbnis  meiner  Schwester  wieder
in  der  Heimat  war,  da  erkannte  ich  das  Bauernleben  kaum  wieder.  Bei  uns
gab  es  das  nicht,  daß  so  viel  beim  Kaufmann  und  gar  in  der  Stadt  gekauft
wurde,  wie  das  jetzt  geschieht.  Was  nur  ging,  das  wurde  zu  Hause  gemacht.
Die  Mutter  und  meine  Schwester  spannen  fleißig  im  Winter  und  das  Gespinst ­
  wurde  gleich  im  Dorf  gewoben.  Schuhwerk  trug  man  überhaupt
nur  im  Winter,  und  das  waren  Holzschuhe,  die  zu  Hause  angefertigt  wurden.
Kleider  und  Wäsche  machte  Mutter  zurecht,  den  Pflug  und  die  Egge  besserte
der  Vater  selber  aus,  und  wenn  was  Neues  nötig  war,  dann  machte  es  der
Dorfschmied.  ■  ^
Mein  Vater  war  schon  ein  wohlhabenderer  Mann.  Wir  hatten  vier
Kühe  und  zwei  Pferde  im  Stalle  stehen,  mit  denen  Vater  auf  dem  Gutshof
Spanndienst  leisten  mußte.  Damals  war  nämlich  der  Bauer  nicht  so  frei  wie
jetzt,  wo  er  nur  für  sich  selber  zu  arbeiten  hat  und  den  Hos  verkaufen  und
fortziehen  kann.  Das  gab  es  damals  nicht.  Wer  Pferde  hatte,  der  mußte
mehrmals  die  Woche  zeitlich  früh  mit  ihnen  auf  den  Gutshof  kommen  und
da  für  den  Gutsherrn  arbeiten.  Meine  zwei  älteren  Brüder  und  meine
Schwester  niußten  auch  jedes  ein  Jahr  umsonst  dort  dienen,  und  außerdem
            
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