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7. Zur Eröffnung dcs Nordostscckanals. 455
7. Zur Eröffnung des Nordostfeekanals.
Von Kaiser Wilhelm II.
Wilhelm II., Rede, gehalten am 2(. 3uni (895 nach der Schlußsteinlegung des Nordostsec-
kanals. Zn: Deutscher Reichs-Anzeiger und Königlich preußischer Staats-Anzeiger. Berlin,
den 22. Juni (895. Nr. (4(7. IS. 2].
Mit Freude und Stolz blicke Ich auf diese glänzende Festversammlung, und
zugleich im Namen Meiner hohen Verbündeten heiße Ich Sie alle, die Gäste des
Reichs, herzlich willkommen. Innigen Dank sprechen Wir aus für die Teilnahme, die
Ins bei Vollendung eines Werks geworden, welches, in Frieden geplant und in
Frieden gebaut, heute dem allgemeinen Verkehr übergeben ist.
Nicht erst in unseren Tagen ist der Gedanke, die Nord- und Ostsee durch einen
großen Kanal zu verbinden, entstanden; (veit zurück bis in das Mittelalter hinein
finden wir Vorschläge und Pläne zur Verwirklichung dieses Unternehmens, und im
verflossenen Jahrhundert ward der Eidcrkanal gebaut, der, ein rühmliches Zeugnis sür
die Leistungsfähigkeit der damaligen Zeit ablegend, doch nur für den kleineren Schiffs
verkehr bestimmt, den gesteigerten Anforderungen der Jetztzeit nicht zu genügen ver
mochte. Dem neu begründeten Deutschen Reiche blieb es vorbehalten, die große Auf
gabe einer befriedigenden Lösung entgegenzuführen.
Mein verewigter ööerr Großvater, Kaiser Wilhelms des Großen Majestät, war
es, der in richtiger Erkenntnis der Bedeutung des Kanals für die Äebung des
nationalen Wohlstandes und für die Stärkung unserer Wehrkraft nicht müde wurde,
dem Plane des Baues einer leistungsfähigen Wasserstraße zwischen Nord- und Ostsee
Seine fördernde Teilnahme zuzuwenden und die mannigfachen Schwierigkeiten zu beheben,
welche sich seiner Ausführung entgegenstellten. Freudig tlnd vertrauensvoll folgten die
verbündeten Regierungen des Reichs nicht minder wie der Reichstag der Kaiserlichen
Initiative, und rüstig ging es vor nunntehr acht Jahren an das Werk, das mit seiner
fortschreitenden Ausführung in immer höherem Grade das öffentliche Interesse erweckte.
Was die Technik von dem hervorragenden Standpunkt ihrer Entwickelung heraus hat
schaffen können, was an Eifer und Arbeitsfreudigkeit möglich war, was endlich an
Fürsorge für die zahlreichen, an dem Bau beteiligten Arbeiter nach den Grundsätzen
der humanen Sozialpolitik des Reichs gefördert werden konnte, es ist an diesem Werke
geleistet worden; und deshalb darf mit Mir und Meinen hohen Verbündeten das
Vaterland dcs gelungenen Werks sich freuen.
Aber nicht nur für die heimischen Interessen haben wir gearbeitet. Der großen
Kulturaufgabe des deutschen Volks entsprechend, öffnen Wir dem friedlichen Verkehr
der Nationen untereinander die Schleusen des Kanals, und zu freudiger Genugtuung
wird es Ans gereichen, wenn seine fortschreitende Benutzung Zeugnis dafür ablegt,
daß die Absichten, von welchen Wir geleitet worden sind, nicht allein verstanden,
sondern auch fmchtbar werden zur Lebung der Wohlfahrt der Völker.
Die Teilnahme an unserer Feier seitens der Mächte, deren Vertreter wir unter
uns sehen, und deren herrliche Schiffe wir heute bewundert haben, begrüße Ich um so
lebhafter, je mehr Ich darin die volle Würdigung Anserer auf Aufrechterhaltung des
Friedens gerichteten Bestrebungen zu erblicken das Recht habe. Deutschland wird auch
das heute inaugurierte Werk in den Dienst des Friedens stellen und sich glücklich
schätzen, wenn der „Kaiser-Wilhelms-Kanal" in diesem Dienste allezeit Llnsere freund
schaftlichen Beziehungen zu den übrigen Mächten fördert und befestigt.