Full text : Kapitalismus und Sozialismus

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„Das  ist  recht  einfach,"  erwiderte  Wilhelm,  „das  haben  wir  erst  kürzlich ­
  in  der  Handelsschule  gelernt.  Das  macht  man  so:  Zum  Preis  des  Rohmaterials ­
  wird  ein  Betrag  für  die  Äbnsitzung  der  Maschinen  und  Baulichkeiten ­
  und  ferner  der  Betrag  der  Löhne  geschlagen.  Zu  dieser  Summe  wird
der  gewöhnliche  Profitprozentsatz  gerechnet,  und  so  ergibt  sich  der  Verkaufspreis. ­
  Wenn  ich  zum  Beispiel  den  Preis  wissen  will,  um  den  ich  einen  Anzug
verkaufen  darf,  dann  rechne  ich  den  Preis  von  Stofs,  Futter,  Zwirn  u.  s.  w..
dazu  kommt  die  Abnutzung  der  Nähwaschinen,  ein  kleiner  Teil  der  Werkstattmiete ­
  ynb  der  Arbeitslohn.  Macht  das  alles  zusammen,  sagen  wir,  30  Mk.
aus,  so  schlage  ich  noch  20  Prozent  dazu,  das  sind  6  Mk.;  ich  kann  also  den
Anzug  mit  36  Mk.  verkaufen.  Vorsichtshalber  werde  ich  seinen  Preis  freilich
in  der  Regel  mit  40  Mk.  ansetzen,  wenn  ihn  nicht  die  Konkurrenz  mit  38
oder  gar  mit  36  Mk.  anbietet.  Niedriger  darf  ich  aber  nicht  gehen."
„Das  ist  ja  alles  ganz  schön,"  meinte  Karl  nachdenklich,  „aber  ich  verstehe ­
  nicht  recht,  warum  du  gerade  20  Prozent  dazuschlägst  und  nicht  50  Prozent. ­
  Da  würdet  ihr  doch  noch  mehr  verdienen."
„Das  geht  eben  nicht,"  erwiderte  Wilhelm,  „denn  wir  können  nicht
teurer  verkaufen  als  die  Konkurrenz,  sonst  liefen  uns  die  Kunden  davon.
So  rechnen  alle  den  gleichen  Profit  von  20  Prozent."
„Das  verstehe  ich  aber  noch  immer  nicht,"  wandte  Karl  ein.  „Haben
denn  alle  Kleiderhändler  und  Schneider  eine  Vereinbarung  getroffen,  daß
sie  den  gleichen  Profit  von  20  Prozent  machen?  Und  warum  haben  sie  denn
nicht  alle  lieber  mehr  festgesetzt?"
„Das  ist  wahr,"  bemerkte  Wilhelm  etwas  verlegen,  „daran  habe  ich
noch  gar  nicht  gedacht.  Eine  Vereinbarung  besteht  nicht,  und  doch  hat  der
Profit  eine  bestimmte  Höhe.  Von  der  Willkür  der  Meister  kann  diese  nicht
abhängen,  ober  es  rechnen  doch  alle  mit  ihr.  Wovon  sie  abhängt,  das  weiß  ich
nicht;  aber  das  ist  sicher,  daß  die  Preise  so  zustande  kommen,  wie  ich  dir
cs  geschildert  habe."
„Das  ist  schon  richtig,"  warf  ich  ein,  „aber  ist  diese  Rechnung  die
Antwort  auf  Karls  Frage?  Du  gehst  zum  Beispiel  vom  Preis  des  Rohmaterials ­
  aus:  aber  da  entsteht  ja  gleich  wieder  die  Frage,  wovon  denn
dieser  abhängt.  Dann  rechnest  du  den.  Ilrbeitslohn  dazu.  Aber  wie  groß  ist
beim  dieser?"
„Das  hast  du  uns  selber  schon  einmal  auseinandergesetzt,"  erwiderte
Wilhelm.  „Erinnere  dich,  als  wir  von  der  Entstehung  des  Proletariats
sprachen,  da  zeigtest  du  uns,  daß  das  Kapital  die  Arbeiter  immer  auf  einen
Lohn  beschränken  will,  der  gerade  zum  Leben  hinreicht,  und  wie  die  Arbeiter
immerfort  kämpfen  müssen,  um  bessere  Löhne  durchzusetzen.  Im  großen  und
ganzen  muß  es  also  doch  so  sein,  daß  die  Slrbeitcr  so  viel  Lohn  bekommen,
daß  sie  davon  leben  können.  Der  Lohn  muß  daher  mindestens  so  hoch  sein,
daß  der  Arbeiter  sich  alle  notwendigen  Lebensrnittel  kaufen  kann."
„Da  hast  du  sehr  richtig  kalkuliert,"  erwiderte  ich,  „aber  da  siehst  du  erst
recht  wieder,  daß  der  Lohn  abhängt  vom  Preis  der  Lebensmittel.  Wir  wissen
also  jetzt,  daß  sich  der  Preis  des  Slnzugs,  den  du  vorhin  als  Beispiel  gewählt
hast,  aus  vielen  anderen  Preisen  zusammensetzt.  Wir  wissen  also  eigentlich
darüber,  wovon  denn  die  Preise  abhängen,  nicht  viel  mehr  als  früher."
„Das  kann  ich  nicht  einsehen,"  gab  Wilhelm  zurück.  „Wenn  ich  zum
Beispiel  gefragt  werde,  wie  lang  ein  Stoff  ist,  so  werde  ich  antworten,  er  hat
soundso  viele  Meter;  da  habe  ich  doch  auch  nur  gezeigt,  daß  seine  Länge  sich
aus  anderen  Längen  zusammensetzt.  Und  gerade  so  gut  ist  es  auch  eine  ge-
            
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