Full text : Kapitalismus und Sozialismus

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„Heule  ist  eS  auch  so,"  antwortete  ich.  „Es  kommt  nid>t  nur  darauf
an,  Arbeit  in  ein  Produkt  hineinzustecken,  noch  wichtiger  ist  beinahe,  herauszufinden,
  wo  sie  von  der  Gesellschaft  am  meisten  benötigt  wird.  Es  ist  ein
Widersinn,  daß  der  Produzent  erst  wenn  er  das  fertige  Produkt  verkaufen
will,  erfährt,  ob  nach  der  Ware  ein  genügender  Bedarf  besteht,  ob  die  in  sie
hineingesteckte  Arbeit  wertbildend  war.  Dieser  Widersinn  kommt  daher,  daß
heute  die  Produzenten  vereinzelt  sind  und  keiner  weiß,  was  der  andere
macht,  daß  sie  dabei  aber  zugleich  für  eine  Kundschaft  arbeiten,  die  keiner
von  ihnen  kennt,  deren  Bedarf  sie  nicht  abschätzen  können.
In  der  einfachen  Gesellschaft,  von  der  wir  ausgegangen  sind,  war
dieser  Widersinn  noch  nicht  zu  finden;  dort  arbeitete  der  Meister  nach
Bestellung  und  wußte  daher  stets  genau,  wie  groß  der  Bedarf  nach  der  von
ihm  hergestellten  Ware  war.  Erst  allmählich  hat  sich  daraus  unsere  heutige
Gesellschaft  entwickelt.  Wenn  wir  also  verstehen  wollen,  woher  es  kommt,
daß  heute  nur  mehr  die  gesellschaftlich  notwendige  Arbeitszeit  den  Wert
bestimmt,  müssen  wir  uns  diesen  Entwicklungsgang  etwas  näher  ansehen."

Der  Grotze  frißt  den  Kleinen.
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Letzthin",  begann  Wilhelm,  als  wir  uns  an  einem  schönen  Frühlingsabenb
  wieder  im  Tiergarten  trafen,  „letzthin  hast  du  uns  gezeigt,  wie  der
Kapitalismus  entstanden  ist,  und  die  Kapitalisten  jener  Zeit  sind  dabei  nicht
sehr  gut  weggekommen.  Aber  was  du  uns  da  erzählt  hast,  gilt  nur  für  die
Zeit,  als  sich  dieses  neue  .  System  erst  durchsetzte;  heute  liegen  die  Dinge
doch  ganz  anders.  Freilich  geschehen  auch  jetzt  noch  viele  Grausamkeiten  in
der  Form  des  Rechts,  das  will  ich  gar  nicht  bestreiten;  wurde  doch  zum  Beispiel ­
  erst  unlängst  die  Familie  eines  kleinen  Schreibers  aus  unserem  Haus
exmittiert,  weil  sie  die  Miete  nicht  zahlen  konnte;  und  der  Mann  war  krank
gewesen  und  hatte  nicht  einmal  das  Brot  verdienen  können.  Aber  wenn
das  wirklich  so  wäre,  wie  du  das  geschildert  hast,  wenn  wirklich  die  Kapitalisten ­
  ihre  Macht  so  rücksichtslos  gebrauchen  würden,  um  die  kleinen  Leute
ums  Brot  zu  bringen,  dann  wäre  es  doch  nicht  zu  erklären,  daß  es  noch
immer  so  viele  kleine  Geschäfte,  so  viele  kleine  Meister  gibt,  auch  hier  in
der  Großstadt.  Du  selbst  hast  uns  gesagt,  wir  sollten  um  uns  blicken  und
jo  das  Leben  kennen  zu  lernen  suchen.  Wenn  ich  aber  durch  die  Straßen
Berlins  gehe,  dann  sehe  ich  überall  kleine  Geschäfte,  da  gibt  es  überall  noch
kleine  Schuster,  Schneider,  Klempner,  Gastwirte,  Seifengeschäfte,  Butterhandlungen ­
  u.  s.  w.  Da  kann  es  also  doch  nicht  so  schlimm  sein  mit  dem  Gefressenwerden ­
  der  Kleinen  durch  die  Großen."
„Das  hat  mir  Wilhelm  schon  neulich,  als  wir  zusammen  spazieren
gingen,  gesagt",  warf  hier  Karl  ein.  „Damals  wußte  ich  ihm  nicht  gleich  zu
antworten.  Aber  ich  habe  mir  die  Sache  seither  überlegt.  Was  diese  kleinen
Leute  verkaufen,  das  haben  sie  ja  zum  größten  Teil  nicht  selbst  gemacht,  das
müssen  sie  von  den  großen  Fabrikanten  und  Kaufleuten  beziehen.  Vor  ein
paar  Tagen  war  der  Geburtstag  meiner  Mutter,  und  da  habe  ich  ihr  einen
neuen  Kafseetops  gekauft,  weil  bei  ihrem  alten  der  Henkel  schon  lange  kaput
ist.  Als  ich  in  dem  Geschäft  war,  sah  ich  mich  so  um  und  fragte  mich,  woher
wohl  alle  die  Waren  sind,  die  der  Mann  zu  verkaufen  hat.  Das  Porzellan
            
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