Full text: Kapitalismus und Sozialismus

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Gehalt. Aber die Mutter klagt jetzt die ganze Zeit, fie könne nicht mehr 
auskommen, alles fei' teurer geworden, und so reiche es hinten und vorrre 
nicht mehr." 
„Bei uns ist es geradeso", bemerkte Karl. „Dater hat zwar im 
vorigen Jahre gestreikt und eine kleine Lohnaufbesserung erhalten: aber 
Mutter sagt doch, es gehe jetzt schlechter zusammen als jemals." 
„Aber wenn jetzt, wie wir ja wissen, die Preise der Lebensmittel in 
die Höhe gegangen und die Löhne dadurch allgemein gesunken sind," fragte 
nun wieder Wilhelm, „dann müßten doch auch die Folgen eintreten, die du 
ausgemalt hast, dann müßten die Arbeiter vor Hunger sterben. Aber das 
liest man doch nie in der Zeitung, daß heutzutage einer verhungert rst." 
„Das hat verschiedene Ursachen", antwortete ich. „Da ist zunächst die 
Armenversorgung, die viele gerade über Wasser erhält, so daß sie nicht zu 
grunde gehen. Und das ist für die Kapitalisten sehr nützlich; denn auf diese 
Weise können sie oft die Löhne tiefer herabdrücken, als es sonst möglich 
wäre, und dann haben sie da immer eine Reserve von Arbeitskräften, die 
sie einberufen können, wenn sie Arbeiter brauchen. Anderseits aber 
gehen furchtbar viele Leute infolge von Hunger und Unterernährung zu 
grunde, ohne zu verhungern. Der von Hunger und Entbehrungen ge 
schwächte Körper ist gegen alle möglichen Krankheiten machtlos, die der 
kräftige, gut genährte Organisnrus spielend überwindet. Besonders 
wächst die Kindersterblichkeit mit der Not ganz furchtbar. Endlich werden 
auch in Zeiten der Not weniger Kinder gezeugt und geboren als bei Hoch- 
stand der Löhne. So verringern die niedrigen Löhne die Zahl der Menschen 
still und ruhig. Der Kapitalismus mordet nicht mit wilder Gewalt und 
mit großem Lärm; er besorgt das ganz im stillen, ohne viel Aufhebens. 
Drittens aber, und das ist ein besonders wichtiger Punkt, darf man 
hier die Wirksamkeit der Gewerkschaften nicht außer acht lassen. Doch 
darüber ein anderes Mal mehr." 
Die Gewerkschaft. 
Es hatte einige Zeit gedauert, bis ich mit meinen jungen Freunden 
wieder zusammentraf. Als wir nun in meiner Stube beisammensaßen, be 
gann Wilhelm: „Du hast uns neulich gesagt, daß die Gewerkschaften beson 
ders stark dazu beitragen, daß die Löhne der Arbeiter in die Höhe gehen oder 
wenigstens nicht gar zu tief sinken. Darüber ist aber mein Vater ganz an 
derer Ansicht. Ihr wißt doch, da war unlängst ein großer Streik bei der 
Firma M..., und da hatte mein Vater als Schutzmann einen schweren 
Dienst. Es mag sein, daß er dadurch gegen die Gewerkschaft, die zu dem 
Streik gehetzt hat, besonders erbost war; aber als er einmal recht rnüde 
und verärgert nach Hause kam, da brach er los. Das hättet ihr nicht hören 
dürfen, wie er da über die Roten und die Gewerkschaften schimpfte. Er 
behauptete, die Gewerkschaften seien für die Arbeiter nur schädlich. Zuerst 
müßten die armen Teufel immer hohe Beiträge bezahlen, von denen die 
Beamten der Gewerkschaft recht schön lebten. Die machen sich dann^ wichtig 
und reizen den Unternehmer durch ihre großmäulige Frechheit, schmeißt 
der sie raus, dann hetzen sie zum Streik, bei dem dann alles draufgeht, 
was die Arbeiter mit saurer Mühe erspart haben. Würden die Arbeiter
	        
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