Full text : Kapitalismus und Sozialismus

—  88  —
20  Prozent  nur  mehr  9  Prozent  macht,  dann  wird  er  wohl  bald  das  Geschäft ­
  aufgeben  und  sich  einem  lohnenderen  zuwenden."
„Ja,  aber  was  hat  denn  das  mit  unserer  Frage  zu  tun?"  warf  Karl
dazwischen.  „Das  ist  doch  eine  Privatangelegenheit  des  Fabrikanten,  ob  er
Strünrpfe  erzeugt  oder  Glasspiegel  oder  sonst  was."
„Oho,"  antwortete  Wilhelm  eifrig,  das  ist  für  den  Preis  gar  nicht
so  gleichgültig.  Es  ist  doch  nicht  anznnehmen,  daß  die  Löhne  nur  gerade
in  diesem  einen  Betrieb  steigen.  Sie  werden  das  in  dieser  ganzen
Industrie  tun.  Wenn  nun  da  der  Profit  sinkt,  dann  wird  sich  das  Kapital
aus  diesem  Erwerbszweig  zurückziehen  und  sich  anderen  zuwenden,  das
heißt  aber,  daß  weniger  Werte  dieser  Art  erzeugt  werden.  Ist  zum  Beispiel
die  Lohnsteigerung  in  der  Strumpfwirkerei  eingetreten,  so  werden  jetzt
weniger  Strümpfe  erzeugt  werden,  da  aber  der  Bedarf  der  gleiche  geblieben
ist,  werden  die  Preise  der  Strümpfe  steigen,  diese  werden  also  doch  teurer
werden,  weil  die  Löhne  gestiegen  sind,  und  so  behalte  ich  doch  ausnahmsweise ­
  einmal  recht."
„Das  kann  schon  sein,"  erwiderte  ich  lachend.  „Ich  habe  allerdings
gar  nicht  behauptet,  daß  die  Erhöhung  der  Löhne  gar  keinen  Einfluß  aus
die  Preise  hat.  Was  du  da  sagst,  ist  auch  ganz  richtig;  aber  wir  dürfen
dabei  noch  nicht  stehen  bleiben.  Du  hast  ganz  richtig  gesagt,  daß  größere
Lohnerhöhungen  sich  gewöhnlich  nicht  aus  einen  einzelnen  Betrieb  beschränken, ­
  sondern  den  ganzen  Gewerbszweig  erfassen.  In  einem  solchen
Fall  werden  gewiß  zunächst  die  Preise  dieser  Artikel  steigen.  Ob  das  von
Dauer  sein  muß,  werden  wir  noch  sehen.  Aber  wir  sind  ja  von  der  Untersuchung ­
  der  Frage  ausgegangen,  ob  eine  allgemeine  Erhöhung  der  Löhne
auch  eine  allgemeine  Erhöhung  der  Preise  mit  sich  bringt.  Wir  müssen  uns
also  jetzt  dieser  Frage  zuwenden.  Aendert  sich  etwas  an  dem,  was  du  vorhin
über  die  Wirkungen  der  Lohnerhöhung  aus  die  Preise  ausgeführt  hast,  wenn
wir  voraussetzen,  daß  alle  Löhne  gleichzeitig  gleichmäßig  gestiegen  sind?"
„Natürlich,"  rief  Karl  eifrig  dazwischen,  „das  ändert  die  Sache  vollständig. ­
  Denn  wenn  durch  die  allgemeine  Lohnerhöhung  die  Profite  überall
herabgesetzt  werden,  ist  ja  kein  Grund  mehr  vorhanden,  warum  das
Kapital  sich  aus  dem  einen  Gewerbe  zurückziehen  und  einem  anderen  zuströmen ­
  sollte.  Es  kriegt  ja  wo  anders  auch  nicht  mehr  Profit.  Wenn  also
die  Lohnerhöhung  allgemein  ist,  ändert  sich  an  den  Preisen  gar  nichts.  Du
hast  also  doch  wieder  nicht  recht,  Wilhelm."
„Halt!  Halt!"  fiel  ich  lachend  Karl  ins  Wort.  „Bei  dir  gcht  es  doch
etwas  gar  zu  geschwind.  Wenn  die  allgemeine  gleichmäßige  Lohnerhöhung
wirklich  überall  die  gleiche  Herabsetzung  des  Profits  zur  Folge  hätte,  dann
wären  deine  Schlußfolgerungen  ganz  unanfechtbar.  Aber  es  ist  eben  die
Frage,  ob  diese  Voraussetzung  richtig  ist."
„Na,  wie  sollte  sie  denn  das  nicht  sein?"  fragte  Karl  ganz  verdutzt.
„Nun,  überlegen  wir  einmal,"  antwortete  ich.  „Wir  haben  da  zum
Beispiel  einen  Steinbruch.  Der  ^erfordert  sehr  _  wenig  Kapital  zur  Anschaffung ­
  von  Maschinen  u.  s.  w.  Sagen  wir,  es  seien  100  Mk.  erforderlich
für  Ersatz  von  Geräten,  Instandhaltung  der  Straße,  die  zum^  Steinbruch
führt,  den  Wagen,  auf  denen  die  Steine  verfrachtet  werden,  für  Sprengmaterial
  u.  s.  w.  An  Arbeitslöhnen  werden  900  Mk.  bezahlt.  Das  macht
also  zusammen  1000  Mk.  Das  können  natürlich  ebensogut  auch  englische
Pfund  sein  oder  tausende  Mark,  es  handelt  sich  hier  nur  um  ein  willkürliches
Beispiel  zur  Veranschaulichung.  Die  Profitrate,  das  heißt  das  Verhältnis
des  Profits  zum  ausgelegten  Kapital,  sei  20  Prozent,  dann  beträgt  der
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.