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wir sie soeben betrachtet haben, so werden wir doch einen Ueberblick über
die allgemeinen Folgen einer gleichmäßigen Lohnsteigerung auf allen
Gebieten erhalten, und wissen nun, nach welcher Richturrg wir im einzelnen
Falle zu forschen haben. Wenn wir zirm Beispiel hören, daß Maschinen
oder sonst ein Produkt, zu dessen Herstellung viel totes Kapital, aber wenig
lebendige Arbeitskraft notwendig ist, teurer geworden ist, werden wir uns
mit der Erklärung nicht zufriedengeben dürfen, daß die Löhne im allge
meinen gestiegen sind. Bei einem Hausbau hingegen ist das eventuell ein
genügender Grund für das Teurerwerden-, denn hier werden wenig
Maschinen verwendet, das Rohmaterial ist verhältnismäßig billig, es ist
aber viel lebendige Arbeitskraft notwendig."
„Das ist aber doch eigentlich sonderbar", begann Karl nachdenklick
wieder; „wir haben jetzt gesehen, daß eine allgemeine Erhöhung der Löhne
den Profit allgemein herabdrückt und infolgedessen die Preise dort steigen, wo
viel lebendige Arbeit angeweirdet wird, und dort sinken, wo ini Verhältnis
wenig lebendige Arbeit am Werke ist. Daraus sollte man aber doch schließen,
daß sich gegen eine Lohnerhöhung am heftigsten die Unternehmer sträuben,
deren Produkte im Preise herabgesetzt werden, also die viel Maschinen
anwenden, und die Unternehmer weniger, die wenig Maschinen haben. In
Wirklichkeit ist es aber, glaube ich,-umgekehrt. Wenigstens habe ich unlängst
bei uns in der Werkstatt einem Gespräch zugehört, wie sich zwei gewerkschaft
lich organisierte Kollegen darüber berieten, ob man bei uns eine Lohn
erhöhung durchsetzen könne, und da sagte der eine — und ich weiß, das ist
ein gescheiter Mensch — bei uns gehe das vielleicht leichter als nt manchem
anderen Geschäft, weil der Besitzer von so vielen und so teuren Maschinen
einen Stteik .mehr fürchten muß als einer, der keine großen Anlagen
während dieser Zeit sttllstehen lassen muß. Das leuchtet mir auch sehr ein.
Rach dem aber, was wir jetzt von dir gehört haben, sollte man eher das
Gegenteil erwarten."
„Aber Karl!" wandte Wilhelm ein. „Du vergißt ja, daß es sich bei
einem Streik nicht um eine allgemeine Lohnerhöhung handelt, sondern
um eine solche in dem betreffenden»Geschäft, und durch die werden.alle die
Folgen ja nicht herbeigeführt, von denen wir gesprochen haben. Da ist es
natürlich, daß dein Kollege recht hat. Nehmen wir wieder das Beispiel von
der Maschinenfabrik und vom Steinbruch, so muß der Fabrikant bei einer
Lohnerhöhung um 10 Prozent statt 1000 Mark jetzt 1010 Mark an Kapital
auslegen, der Steinbruchbesitzer aber statt 1000 Mark 1090 Mark. Da ist
es doch begreiflich, daß sich der noch heftiger wehrt als jener."
„Das ist ganz richtig"; bestätigte ich, „aber es kommt noch ein sehr
wichtiger Umstand dazu. Werden, nämlich die Löhne erhöht, so wird oft die
Anwendung von Maschinen lohnend, die früher nicht angewendet werden
konnten, und dadurch werden die Produkte, tote wir gesehen haben, audt
wieder billiger; der einzelne Unternehmer kann die Lohnerhöhung wieder-
t) er einbringen. Die Einführung neuer Maschinen aber ist fast immer dort
viel leichter, wo ein Betrieb schon stark maschinell betrieben wird, als dort,
wo das noch nicht der Fall ist, und so ist es um so begreiflicher, daß sid?
der Maschinenfabrikant zum Beispiel leichter mit einer Lohnerhöhung ab
finden kann als 'der Steinbruchbesitzer."