210 Zweiter Teil. Handel. VIII. Der Wettbewerb im Handel rc.
Die älteste, bekannteste und praktisch wohl wichtigste Form des Wandergewerbes
ist der Hausierhandel.
Bei der gewerblichen Betriebszählung vom 14. Juni 1895 wurden im Deutschen
Reiche 39 057 Hausiergewerbebetriebe überhaupt gezählt. Von den insgesamt im
Hausierhandel tätigen 37 429 Personen waren 22 952 männlichen und 14 477 weiblichen
Geschlechts. In den meisten, nämlich in fast 32 000 Betrieben, ist nur eine
Person, der Betriebsinhaber, tätig. Mitarbeitende Familienmitglieder wurden 1858
gezählt, davon 265 männliche und 1593 weibliche.*)
Stieda unterscheidet drei Arten von Hausierern:
1. Hausierer, die Leistungen anbieten oder Erzeugnisse ihrer eigenen Wirtschaft,
industrielle oder landwirtschaftliche, feiltragen;
2. Hausierer, die durch Ungunst der Verhältnisse in ihrer Heimat beim Mangel
anderer Erwerbsgelegenheit sich diesem Berufe zugewandt haben;
3. Hausierer, die nicht eigentlich arbeiten wollen oder können, bei denen vielmehr
dieses Geschäft nur den Vorwand gibt, zu betteln und zu bummeln.
Unter diese drei Gruppen läßt sich jedoch der gesamte im Reiche betriebene
Hausierhandel nicht ohne Zwang vollkommen unterbringen, man muß vielmehr
mindestens noch eine vierte Gruppe aufstellen, nämlich:
4. Hausierer, die infolge Familien- oder Lokaltradition sich diesem Berufe
widmen.
Von ständigen Wohnorten einer größeren Anzahl von Hausierern seien hervorgehoben:
Die Hausierdörfer im Kreise Ratibor in Schlesien, das bedeutendste Deutsch-Krawarn.
Gehandelt wird mit den verschiedensten Waren, die in Großhandlungen
Breslaus und größerer Provinzialstädte bezogen werden.
Der größte Teil der Einwohner von Satzung im Erzgebirge erwirbt seinen
Lebensunterhalt durch den Wanderhandel mit Spitzen, Erzeugnissen der erzgebirgischen
Klöppelei, mit leinenen, wollenen und anderen Webwaren, wofür Hauptbezugsorte
Leipzig, Chemnitz, Apolda, Ehrenfriedersdorf und Thum sind, mit böhmischen
Bettfedern, Flachs, Sämereien, Pferden, die größtenteils in Böhmen aufgekauft
werden, Gänsen aus Rußland. — Die Bewohner der obererzgebirgischen
Gemeinden Stützengrün und Rotenkirchen vertreiben Heidel- und Preißelbeeren,
ursprünglich die in den heimatlichen Wäldern gesammelten, in allmählicher Entwickelung
und in viel größerem Maßstabe solche aus dem Voigtlande, Fichtelgebirge,
Elbsandsteingebirge, Fläming und aus Schweden.
Das Fichtelgebirge beherbergt eine größere Anzahl von Hausierern in der sog.
„Steinpfalz", einem unwirtlichen und unfruchtbaren Distrikt von 7 km Ausdehnung
von Nord nach Süd und 9 km von Ost nach West. Der Hausierhandel ist hervorgegangen
aus dem Vertriebe selbsthergestellter Waren aus Fichtenholz und Stroh
und hat sich dann auf Manufaktur- und Weißwaren ausgedehnt, die namentlich aus
Leipzig und Greiz bezogen werden. Die meisten „Pfälzer" sind weiblichen Geschlechts.
*) Nach der Berufs- und Betriebszählung vom 12. Juni 1907 gab es im Deutschen
Reiche 47 421 Hausiergewerbebetriebe (darunter 41801 Hauptbetriebe und unter diesen 35 306
Alleinbetriebe); tätig waren im Hausierhandel 48 371 Personen, nämlich 26 318 männlichen und
22 053 weiblichen Geschlechts. Statt st isches Jahrbuch für das Deutsche Reich.
Herausgegeben vom Kaiserlichen Statistischen Amte. 30. Jahrgang 1909. Berlin, Puttkammer
& Mühlbrecht, 1909. S. 84. — In Preußen wurden im Jahre 1910 139 571 Wandergewerbescheine
ausgefertigt; der Nettobetrag der Wandergewerbesteuer stellte sich in demselben
Jahre auf 3201400 M. Statistisches Jahrbuch für den Preußischen
Staat a. a. O. S. 496 und S. 497. —G. M.