Beginnender Realismus.
331
und Notwendigkeit und zwischen individuellen und staatlichen
Energien; in der milden Luft seines anschaulichen Denkens
erschienen die Staaten wohl als vornehmste Träger mensch-—
licher Geschicke; aber er blieb weit davon entfernt, über ihren
scharfkantigen Wirkungen die freiheitlich höhere Sphäre der
geistigen und vor allem der religiösen Bewegungen zu vernach—
lässigen; und er hat selbst kunstgeschichtlich im einzelnen ge—
arbeitet. So blieb er zwar ein Kind seiner Zeit, aber indem
er deren Richtlinien in die besondere Denkweise einer uni—
versalen Anlage und damit ins Ungemeine verlängerte, sah er
auch sein Werk in Zeiträume von einer Ausdehnung hinein⸗
wachsen, die sich über die gewöhnliche Periode der Wirkung
eines Menschenlebens erhoben: und lange Zeit hindurch weniger
gelesen und mehr von ferne betrachtet, hatte er gegen Ende seines
Lebens und seines Jahrhunderts auch in dieser Hinsicht in
Fülle, was seine Jugend sich mochte gewünscht haben. Zugleich
aber war er über den politischen Gegensatz von Legitimität
und Revolution, der noch die Generationen seiner Mannes⸗—
jahre heftig bewegte, durch Erbreiterung der Begriffe der ge—
schichtlichen und der aufklärerischen Anschauung so gut wie völlig
hinausgewachsen; und nachdem er das Auge unter dem Blick—
punkte der letzten Zeitalter vom 15. und 16. Jahrhundert ab
zu höchsten Perspektiven geweitet hatte, war er, einem Goethe,
einem Faust an Weltfreude und Weltkenntnis ähnelnd, zu un—
erhörten Tiefen universaler Fernsicht gelangt, die ihn dem
Ewigen zu vermählen schienen.
Rankes Zeitgenossen im historiographischen Berufe, die
wie er schon einen stärkeren Realismus der Forschung und der
Darstellung mit dem idealen Zuge einer Weltanschauung der
Ideenlehre mehr oder minder verbanden, ein Loebell, Voigt,
Lappenberg, Stenzel, sind in der Überlieferung in den Kern—
schatten dieses blendenden Lichtes geraten; besonders unverdient
darunter auch Gervinus. In manchen Dingen Ranke ähnlich,
eine wesentlich methodisch angelegte Natur und vor allem
literarische Entwicklungen meisternd, kritisch und doch gleich
Ranke die Kraft bloßen Methodentums auf historischem Gebiete