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Erstes Buch, Cap. 2.
Das heisst also: nicht politische Bildung soll Voraus-
setzung des Wahlrechts sein, sondern, da es nur auf die
Interessen des Besitzes ankommt, so soll auch der Besitz
allein Wahlrecht haben, — und die Armen beschwichtigt man
einstweilen mit der Hoffnung, dass sie Wahlrecht bekommen
sollen, wenn sie eingesehen haben, dass die Pflege der Inter-
essen des Besitzes auch ihr höchstes Interesse ist. Wahrlich,
dies ist weit cynischer als die Tendenz jener späteren Frei-
händler, die den Ruf nach Ausdehnung des Wahlrechts durch
Gewährung von billigem Brod nach Abschaffung der Kornzölle
beschwichtigen wollten. — Diese nachgelassene Schrift Ricar-
do’s giebt den vollen Beweis, dass er sich den Prinripien des
Individualismus nur aus dem Grunde anschloss, um die ma-
teriellen Interessen des Capitals zu befördern.
Ich bin kein prineipieler Anhänger des allgemeinen
Wahlrechts, aber eine Beschränkung des Wahlrechts auf den
Besitz, für den Besitz und nur wegen des Besitzes, ist die
kurzsichtigste und verwerflichste politische Anschauung, die
sich denken lässt — ja es ist der Gegensatz zu aller politi-
schen Anschauung, es ist einfach die Herrschaft der gesell-
schaftlichen Macht des Besitzes an Stelle der Staatsidee. Es
ist fast unbegreiflich, .dass man Ricardo’s nationalökonomische
Lehren mit so viel selbstverleugnender, Arbeit studirt hat, ohne
den Schlüssel zur Erklärung all seiner Anschauungen, der
hier offen zu Tage liegt, zu.Hülfe zu nehmen! Es bleibt sein
grösstes Verdienst, dass er seinen nackten Capitalismus durch
keine spielende Humanität, keinen schwächlichen Optimismus
verhüllt hat. — Wir haben keinen Grund, eine solche Hülle
den Lehren des klugen Banquiers nachträglich vermittelst
unserer theoretischen Blindheit überzuwerfen, welche die
praktischen Tendenzen ignorirt,
8 3. Robert Malthus.
Der dritte der grossen classischen Nationalökonomen,
Malthus, ist in Bezug auf düstere Lebensanschauung und
offenes Aussprechen harter Nothwendigkeiten mit Ricardo