Wirtschaft und Steuerpolitik, 269
schwächte deutsche Steuerkraft 1924 215- oder 3mal soviel an Steuern
aufbringen muß, Ein Mehrfaches gegenüber 1913 ist überhaupt eine
Unmöglichkeit, denn was besagen, wirtschaftlich und finanzpolitisch
gesehen, diese Zahlen? Wer im Jahre 1925 einigermaßen aufmerksam
den Handelsteil der Tagespresse verfolgt hat, dem konnte nicht entgehen,
wie viele große Unternehmungen im letzten Jahre nur einen
ganz geringen Überschuß erzielt haben; wie die meisten überhaupt
keine Gewinne auswiesen, sondern erhebliche Verluste. In zahlreichen
Fällen wurden dann die Überschüsse ganz weggesteuert, oder die
Steuern aus dem Vermögen, der Substanz oder durch Aufnahme von
teuren Krediten bezahlt, Bei einer großen Anzahl der großindustriellen
Betriebe des rheinisch-westfälischen Gebietes hat man beispielsweise
durch besondere Untersuchungen festgestellt, daß hier letzten Endes
alle Steuern, 4- bis 5mal soviel wie 1913, aus dem Vermögen bezahlt
wurden, da Gewinne durchweg nicht erzielt worden waren. Um nun
überhaupt zahlenmäßig den Steuerdruck auf diese Wirtschaftskreise
ausdrücken zu können, hat man bei diesen Unternehmungen das Jahr
1913 herangezogen. Dieses Jahr war für die rheinisch-westfälische Industrie
das ertragreichste seit ihrem Bestehen. Wenn sie 1924 mit dem
gleich hohen und günstigen Ertrag gearbeitet hätte wie 1913 (tatsächlich
sind aber Gewinne nicht erzielt), würden die in diesem Jahr gezahlten
Steuern mehr als die Hälfte dieser Gewinne in Anspruch genommen
haben. Wenn diese Unternehmungen aber weiterhin so hohe Steuern
wie 1924 zahlen müßten, so müßten sie, wenn sie auch nur die Hälfte
von dem verdienen würden wie im Jahre 1913, also bei guter Ausnutzung
der Produktionsmittel, was leider vorläufig nicht der Fall sein
wird, diese gesamten Erträge an die öffentlichen Kassen abführen. Das
ist wirtschaftlich selbstverständlich ein ganz unmöglicher Zustand, Er
würde den Untergang der rheinisch-westfälischen Industrie bedeuten
und diese wichtige Steuerquelle für Reich, Länder und Gemeinden
überhaupt vernichten. Eine solche Steuerpolitik müßte weiter den
Hunderttausenden von Angestellten und Arbeitern, die in diesen Unternehmungen
beschäftigt sind und den vielen Nebenbetrieben und
anderen Berufen, die nur in Verbindung mit diesen Unternehmungen
existieren können, jegliche Lebensmöglichkeit nehmen. Die neueste
Ruhrkrisis ist ein besonders ernstes Signal dieser Entwicklung, das die
verantwortlichen Stellen zwingt, diese Wirtschaftskrise gerade auch
von der Seite der allgemeinen Finanzpolitik aus zu betrachten. Andere
allgemeine Statistiken über die Auswirkung der Steuern unmittelbar auf
die Wirtschaft sind mir nicht bekannt geworden, Bei den Beratungen
über die Umsatzsteuer, ihre Herabsetzung und grundlegende Reform ist
von verschiedenen Gewerben dargelegt worden, wie außerordentlich