Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Zweiundzwanzigstes Buch. 
als dem hehren Denkmal des Schöpfergeistes deutscher Ahnen, 
dem Koloß, erschaffen von einem Geiste, der „Berge auftürmte 
in die Wolken“, und er rühmte den gotischen Stil, diesen 
deutschen Stil, dessen Kirchen „ungeheuere Konzeptionen“ sind, 
„deren Sinn babylonisch in den Himmel strebt“. Und mit 
dem deutschen Altertume erwachte dem Dichter die germanische 
Seele überhaupt. Für sein unmittelbares Schaffen trat ihm 
Shakespeare der Natur und dem Volkstum zur Seite, ja beide 
meisternd vor sie. „Ich rufe Natur! Natur! Nicht so Natur, 
als Shakespeares Menschen. Da habe ich die Philister überm 
Hals. Laßt mir Luft, daß ich reden kann!“ ... Und er redete, 
und es entstand das erste große Drama der neuen Zeit: „Götz 
von Berlichingen“ (1771 1778). 
Die Zeit der Empfindsamkeit hatte noch keine poetischen 
Schöpfungen hinterlassen, die uns auch heute noch ohne Ver⸗ 
mittlung geschichtlicher Auffassung völlig ansprächen; wir sehen 
die Anfänge des Neuen, aber sie erscheinen noch fremdartig. 
Anders die Dichtung des Sturmes und Dranges. Nun welkt 
das empfindsame Lied ab, und die sentimentale Epik erweist 
sich als taube Blüte. In den Vordergrund treten Lyrik und 
Drama, diese wichtigsten Zweige hoher Poesie auch noch unserer 
Tage; und auf beiden Gebieten kommt es zu Schöpfungen, 
deren innigste Verwandtschaft mit allem, was heute lebt, uns 
unmittelbar aufgeht. 
Vor allem gilt das für die Lyrik, diese Frühform aller 
Poesie, in deren Bereiche sich die Wandlungen auch hoher 
Kulturzeitalter der Regel nach am einschneidendsten und ehesten 
ausprägen. 
Unter den Lyrikern des Sturmes und Dranges läßt sich 
entwicklungsgeschichtlich eine ältere und eine jüngere Gruppe 
unterscheiden, wobei die erste am anschaulichsten durch Schubart 
und Bürger, die zweite durch Lenz und Goethe vertreten ist. 
Beide Gruppen sind durch den inneren Drang, volkstümlich 
und persönlich-subjektiv zugleich zu dichten, verbunden; aber 
das subjektive Element setzt sich erst allmählich durch, und unter 
seinem stetig wachsenden Einflusse verschiebt sich das Wesen
	        
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