thumbs: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

98 Neuntes Buch. Zweites Kapitel. 
Zeit zu schweigen und zu reden, nie höfischen Grußes zu ver— 
gessen und sittsam vor Höheren zurückzustehn: Schildes Recht 
sei vor allem, den Schild rein zu halten in unbefleckter Ehre 
durch Treue, Milde, Keusche und Einfalt: nur wer wahre Tugend 
habe, der sei hoch geboren. 
Was sich aber aus dem äußeren konventionellen wie dem 
tieferen innerlichen Ideal ritterlichen Lebens zugleich ergiebt, das ist 
der Drang nach einer Bildung nicht des Wissens, sondern des 
Könnens, nach ästhetischer, nicht wissenschaftlicher Reife. Es war 
ein vollkommener Umschwung in den Erziehungsidealen gegenüber 
der Zeit der karlingischen und ottonischen Rengissance. Damals 
waren umfassende Kenntnisse Voraussetzung jeder höheren Bildung 
gewesen; unbarmherzig waren sie eingebläut worden, und die gleich 
mäßige Anwendung härtester Zuchtmittel in der Erziehung hatte 
jede Charakterbildung unterdrückt und Gestalten typischen Geistes— 
lebens zeitigen helfen. Wie anders dachte die ritterliche Gesell— 
schaft von der Bedeutung bloßen Wissens! Gelehrte Kenntnisse 
auch nur bescheidenster Art waren nicht Voraussetzung ritterlichen 
Lebens, Wolfram von Eschenbach konnte nach allgemeiner An— 
nahme weder schreiben noch lesen und Gottfried von Straß— 
burg berichtet über die etwas besseren Anfänge der Erziehung 
Tristans mit den seufzenden Worten 
der buoche lere und ir getwanc 
was siner sorgen anevane. 
Im allgemeinen aber blieb der Knabe bis zum siebenten 
Jahre bei der Mutter und im elterlichen Hause, frei wandelnd 
und spielend, das junge Herz ahnungsvoll erfüllt von den ersten 
Idealen des Diesseits und Jenseits, von Gott und ritterlicher 
Zukunft. Dann kam er als Edelknabe außer Hauses, an einen 
fremden Hof, gute Sitte zu lernen. Im engsten Zusammen— 
leben mit einer fremden Frau, der er zu dienen hatte, bildete 
er sich heran zu den konventionellen Forderungen der Zeit, zur 
Frauenunterthänigkeit und zu höfischer Zucht; nur verworrene 
Ausblicke in die nationale Vergangenheit und in die Elemente 
der christlichen Lehre wurden gewonnen; eifriger Körperpflege 
1Tristan 2083.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.