Full text: Einführung in die Volkswirtschaftslehre

Arbeitszeit -unt Arbeitsleistung. 109 
daß ihm der Arbeitgeber Wohnung, daß er ihm die Lebensmittel 
wenigstens teilweise gibt, soweit er sie in seiner Wirtschaft selbst 
produziert. Dies gilt nicht nur für die im Lsause selbst wohnenden 
Knechte und Mägde, die genau wie die städtischen Dienstboten 
den lsauptteil ihres Lohnes in diesem Anteil an der Hausgemein 
schaft erhalten, sondern auch für Tagelöhner der verschiedenen 
Arten, denen Häuschen zum Wohnen, Kartoffelland, Weide- 
berechtigung für eine Auh oder ein paar Ziegen, vielleicht sogar 
auch noch beim Ernten und Dreschen (bort, wo noch mit der Hand 
gedroschen wird) die so und sovielte Garbe, der so und sovielte 
Scheffel überlassen wird. Bedenklich kann die Lieferung von 
Naturalien dann werden, wenn sie von dem Unternehmer erst 
gekauft werden und er nun daran wieder verdient, namentlich 
dann, wenn ein Kaufzwang auf die Arbeiter ausgeübt wird. 
Letzteres, das sogenannte Trucksystem, ist denn auch durch 
wegs wegen der damit verknüpften Mißbräuche verboten. 
Line — man möchte sagen psychologische — Schwierigkeit des 
Naturallohnes liegt darin, daß der wert der Naturalien nicht 
ohne weiteres zu schätzen ist; der Arbeiter wertet vielleicht das, 
was er nicht als Bargeld erhält, zu gering. Seine Bewertung des 
Lohnes ist überhaupt oft genug eine äußerliche, indem sie sich 
rein an die Summe hält. Das Geld hat aber keinen Eigenwert 
als Konsumgut, sondern dient dazu, ihm seinen Bedarf zu be 
schaffen; entscheidend ist also nur die jeweilige Kaufkraft des 
Geldes. Diese ist aber nach Zeit, und (Drt bisweilen recht ver 
schieden. Ls kann sehr wohl der Fall sein, daß trotz der höheren 
Lohnsumme, die der Arbeiter t-er einen Gegend erhält, er tat 
sächlich sehr viel weniger Bedürfnisse damit befriedigen kann, 
weil Wohnung. Nahrungsmittel und was er sonst braucht, un 
verhältnismäßig mehr kosten. Namentlich bei der Frage der 
Lohnsteigerungen ist dies zu beachten. Ls ist oft recht schwierig, 
die Veränderungen des wirklichen Lohnes festzustellen, weil die 
Preisbewegung sehr verschiedener 2lrtikel in verschiedensten (Quali 
täten damit zu vergleichen ist; aber es scheint doch beispielsweise 
ziemlich erwiesen, daß in den letzten Jahren vor dem Kriege der 
Lohn der deutschen Industriearbeiter, im Durchschnitt genommen, 
stärker gestiegen ist als der Preis der wichtigsten Lebensbedürfnisse. 
Die psychologische Rückwirkung der Lohnform auf den Arbeiter 
hat schon früh zu dem versuche geführt, durchdieLohnförm 
auf die Arbeit selbst einzuwirken. Die natürlichste
	        
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