Full text : Einführung in die Volkswirtschaftslehre

Aufgaben  und  Methoden  der  Volkswirtschaftslehre.
Is  Benedikt  XIII.,  zum  Papst  gewählt,  duf  dem  Balkon  der

"V 1  Peter-kirche  trat,  um  urbi  et  orbi  den  Segen  zu  erteilen,  sah
er  mit  Staunen  die  ungeheure  Oolksmenge  zu  seinen  Füßen,  die
den  Biesenplatz  zwischen  Berninis  Kolonnaden  füllte.  Er  wandte
sich  an  einen  der  neben  ihm  stehenden  Kardinäle  und  fragte:  „wovon ­
  leben  all  diese  Menschen?"
wovon  die  Menschen  leben,  das  ist  die  Grundfrage ­
  der  Volkswirtschaftslehre.  Die  Frage  wird
tausendmal,  wird  jedeir  Tag  gestellt  und  immer  wieder  mit
aitberer  Betonung:  vom  Staatsmann,  der  sein  Volk  zu  Macht
und  Reichtum  bringen  will;  von  der  bloßen  Neugier;  vom  verzweifelnden, ­
  der  für  sich  und  seine  Familie  kein  Brot  findet.  In
die  Reihe  der  Fragenden  ist  auch  die  Wissenschaft  getreten.  Sie
kann  freilich  nicht  jedem  einzelnen  Schicksal  nachgehen,  will  sie
sich  nicht  bald  ins  Uferlose  verlieren;  vielmehr  wird  sie  versuchen
müssen,  in  der  verwirrenden  Mannigfaltigkeit  der  Erscheinungen
die  wiederkehrenden  Züge  zu  finden.  Denn  so  sehr  jedem
Menschen  sein  eigenes  Schicksal  einzigartig  und  abweichend  von
den  Erlebnissen  aller  anderen  erscheinen  mag,  im  Grunde  leben
wir  fast  alle  nach  Schablonen,  wir  werden  irgend  etwas,  Kaufmann, ­
  Beamter,  Fabrikarbeiter,  und  unser  weg  ist  gewiesen  und
begrenzt.  Die  Triebkräfte  der  menschlichen  Natur  und  die
äußeren  Umstände  des  Daseins  sind  in  allen  wesentlichen  Bedingungen ­
  gleich,  und  so  müssen  wir  alle  dem  gleichen  Schicksal
gehorchen.
Nur  darf  man  wieder  diese  Gleichheit  sich  nicht  mechanisch,
nicht  als  Identität  bis  in  die  kleinste  Einzelheit  vorstellen,  wir
haben,  um  nur  ein  ganz  alltägliches  Beispiel  zu  nehmen,  alle
hunger,  den  wir  stillen  wollen.  Aber  der  Hunger  ist  verschieden
groß,  und  so  bedarf  der  eine  schon  mehr  Mittel  zur  Befriedigung
dieses  primitiven  Bedürfnisses  als  der  andere.  Nehmen  wir
nun  auf  der  anderen  Seite  die  'ebenso  einfache  Tatsache,  daß
die  Arbeitsfähigkeit  der  Menschen,  d.  h.  also  die  Voraussetzung
zur  Beschaffung  dieser  Mittel,  verschieden  ist,  nach  Alter,  Gesundheitszustand, ­
  Begaburkg,  so  sehen  wir  schon  eine  ganze  Reihe
            
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