fullscreen: Die englische Agrarenquete von 1913

Nachwort. 
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dort im schönsten Staatssozialismus mitten drin. Wenn auch bei 
uns von so weitgreisenden Konsequenzen nicht die Rede 
ist, das eine zeigt uns das englische Beispiel scharf, 
wohin die gleiche Behandlung von Land- undJndustrie- 
arbeiter hinsichtlich der ganzen Lebenshaltung, ins 
besondere der Entlohnung schließlich führt. Wie lange 
und wie weit es uns möglich sein wird, mit der vielfach 
auch in früher rein ländlichen Bezirken Platz greifenden Industrie 
in der Geldlohnhöhe zu konkurrieren, sei dahingestellt. 
Wie hat sich denn die Sache bei uns in den letzten Jahren ge 
staltet? Gute Ernten in Verbindung mit guten Preisen — gewöhn 
lich ist es umgekehrt, diesmal aber kamen uns besondere Weltmarkts 
konstellationen zu Hilfe — haben uns erlaubt, die Löhne von Jahr zu 
Jahr etwas heraufzusetzen. Wenn aber wieder einmal schlechtere Zeiten 
heraufziehen — und wer verbürgt uns, daß es nicht einmal umgekehrt 
kommt, d. h. schlechte Ernten bei uns mit niedrigen Preisen zusammen 
fallen —, dann wird es eben nicht möglich sein, die Löhne in dem gleichen 
Tempo, wie wir es die letzten Jahre gewöhnt waren, heraufzusetzen. 
Wenn wir nun weiter nüchtern erwägen, daß bei der fort 
schreitenden Demokratisierung des Deutschen Reiches ein Abbröckeln 
der Getreidezölle von Handelsvertrag zu Handelsvertrag unabwendbar 
ist — denn der Durchschnittskonsument läßt eher alles andere: teuere 
Wohnung, teuere Kohlen usf. über sich ergehen als teueres Brot —, 
so müssen wir zu dem Resultat kommen: In absehbarer Zeit stehen 
unsere Landwirte vor derselben Kalamität wie die englischen: Höhere 
Löhne zahlen sollen und nicht können. Es würde hier zu weit führen, 
auch noch darauf einzugehen, daß ganz allgemein unsere hohe Ver 
schuldung eine Extensivierung des Betriebes überhaupt nicht zuläßt, 
und daß speziell die Regenarmut großer Gebiete der nordostdeutschen 
Tiefebene eine Arbeitsextensiviernng durch Weidewirtschaft nur in be 
schränktem Maße gestattet. 
Der segensreiche Einfluß der vorwiegenden Naturallöhnung reicht 
aber noch viel weiter. Überall, wo sie noch zu Hause ist, in Pommern, 
in West- und Ostpreußen, da sehen wir den Übergang zur Eigen 
kleinwirtschaft sich auf das leichteste vollziehen. Das Aus-der-Hand- 
in-den-Mund-Leben des nur mit Geld wirtschaftenden Arbeiters ist keine 
Vorschule für die auf größte Sparsamkeit und Wirtschaftlichkeit auf 
gebaute selbständige Kleinwirtschaft. Hinsichtlich dieser entwickelt die
	        
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