11. Die Schwarzwälder Ahrcnindustrie.
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11. Die Schwarzwälder Llhrenindustrie.
Von Eberhard Gothein.
Gothein, Wirtschaftsgeschichte des Schwarzwaldes und der angrenzenden Landschaften,
i. Bd. Straßburg, Karl I. Trübner, 1,892. 5. 55—58.
Von ihren Wanderungen brachten die Glasträgerkompagnien mancherlei neue
Waren heim, die der bäuerliche Gewerbfleiß Herstellen, und die sie selber vertreiben
konnten: die Strohhüte, die Blcchlöffel, die Lolzuhren. Lind diese letzteren gaben den
Anstoß zu einer höchst niannigfaltigeir Industrieentwicklung. Mit gewandter Land
schnitzte der Bauer die Bestandteile der Ahr nach; er vereinfachte sie seinem Zweck
gemäß, er brachte Verbesserungeit an, er wußte eine Menge Dekorationen zu erfinden.
Die Freude ain Seltsaincn, die Lust, Rätsel auszugeben und zu lösen, führt ihm dabei
die Land; und deshalb zeigt sich sein Scharfsinn am glänzendsten in den Erfindungen
von Automaten und Spieluhren.
Eben weil der Ahrmacher, mit einem starken Selbstgefühl ausgerüstet, durchweg
als mechanischer Künstler arbeiten will, bleibt die Arbeitsteilung unvollkommen, und
zu jener Exaktheit der Technik, wie sie die Taschenuhr erfordert, dringt man hier, wo
sich niemand einem gemeinsamen Arbeitsplan unterordnen will, auch niemals durch. Die
Arbeitsteilung besteht nur in der Absonderung der künstlerischen und technischen Lilfs-
gewcrbe. Bei ihrer Ausbildung geben Scharfsinn und Talent der Schwarzwälder,
aber ebenso auch ihre ganz individualistische Gesinnung wiederum die deutlichsten, oft
glänzenden Proben. Wirtschaftlich aber wird hierdurch erreicht, daß sich die Schwarz
wälder Ahrenindustrie nach und nach auch in bezug ihrer Materialien von auswärsigen
Plätzen wie Nürnberg völlig frei macht.
Die ersten Ahrmacher erhielten Anregung und Beispiel vor allen vom Ausland;
sie lauschten Fremden den Mechanismus der Werke und die Verwendung der Instrumente
ab und bildeten das richtig erfaßte Prinzip aus. Bald fanden sie die unentbehrliche
wissenschaftliche Anterstützung und künstlerische Belehrung in der Leimat selber. Die
Benediktiner der Schwarzwaldklöster erwarben sich in dieser Linsicht die größten Ver
dienste um ihre Landsleute. Sie brachten ihnen mit inathcmatischen und musikalischen
Kenntnissen auch die aufrichtigste Bewunderung entgegen. Der Abt von St. Peter,
PH. Steyrer, ist der erste Geschichtschreiber der Schwarzwaldindustrie geworden; und
er faßte seine Aufgabe dahin auf, der Verkündiger des Ruhmes der Erfindungsgabe
seiner Landsleute zu sein.
Der Lebensnerv dieser Industrie blieb aber immer der Lande!. Mit richtigem
Gefühl hatten das die Schwarzwälder erfaßt. Sie arbeiteten nicht für den fremden
Kaufmann, sondern sie verstanden es, die Absatzwege selber aufzusuchen und zu
beherrsche«. Schwache Versuche der Produzenten, selber, sei es einzeln oder ge
nossenschaftlich, den Verkauf an den Konsumenten in die Land zu nehmen, wurden
frühzeitig aufgegeben. Aber auch die alten Glasträgerkompagnien, die über den Ober
rhein und Schwaben nicht hinauskamen, genügten nicht. Nach dem Muster ihrer
inneren Verfassung, aber ohne ihre geographische Beschränkung und Abgrenzung ent
stehen nun allerwärts große und kleine Kompagnien von Ahrenhändlern, die binnen
weniger Iahrzente alle Länder der zivilisierten Erde durchstreiften und für die Schwarz
wälder Ahr gewannen. Der Lausierhandel blieb die Grundlage des Betriebes. Waren,
die der wandernde Ländler gleichzeitig unterbringen konnte, und die vom Zunftzwang
freigelassen waren, verband er miteinander, und stets war er bedacht, keinen Weg
umsonst zu machen, Einkauf und Verkauf zu kombinieren.
Mollat, BolkswirtschastUches Lesebuch.
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