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Dieser Tatsache gegenüber muß man grundsätzlich der Kritik
beistimmen, die namentlich Marx geübt hat, als er gegenüber
Malthus hervorhob, daß jedes Bevölkerungsgesetz nur eine histo-
rische Gültigkeit haben könne. Weniger schwer wiegen die
Einwände, die von List und Dühring ausgingen, da ihre Auffassung
von der verschiedenen Bevölkerungskapazität der einzelnen Pro-
duktionsstufen Malthus durchaus bekannt war, wenn er auch nicht
die scharfen Folgerungen daraus zog, wie dies die Genannten getan
haben. Vor allem hat Malthus in unzureichender Weise die stark
wirtschaftsfördernde Tendenz der Volksvermehrung selbst berück-
sichtigt. Diesen Zusammenhang hat er jedenfalls in seiner Bedeutung
unterschätzt.
Betrachtet man demgegenüber die tatsächliche Entwick-
lung, so hat Malthus sicherlich darin Unrecht, daß er meinte,
ain jedes. Mehr an Nahrungsmitteln setze sich sogleich in einen Zu-
wachs an Menschen um und jede Verbesserung in der materiellen
Lage der Menschen habe eine Verdrängung der repressiven durch
die präventiven Hemmnisse zur Voraussetzung *). Sowohl ältere
Zeiten, wie besonders auch die Entwicklung im 19. Jahrhundert,
zeigen, daß der Nahrungsspielraum auch für längere Zeiträume mehr
zunehmen kann, als es der Volksvermehrung entspricht, ohne daß
dabei bei der letzteren präventive Hemmnisse eine Rolle gespielt
haben. Der Satz, daß die Volkszahl immer dahin drängt, den vor-
handenen Nahrungsspielraum durch ihr Wachstum auszufüllen, läßt
sich angesichts der Tatsachen nicht aufrecht erhalten. Daß wir
diese Ansicht von Malthus vor allem aus den besonderen Verhält-
nissen seiner Zeit heraus zu verstehen haben, ist oben dargelegt
worden. Dieser Satz und diese Auffassung von Malthus haben
also nur’ historische Geltung und für die Vergangenheit im allge-
meinen nur für jene Zeiten, in denen die Ausweitung des Nah-
rungsspielraumes recht geringe Fortschritte gemacht hat. So sind
von Malthus historische Erscheinungen zu sehr verallgemeinert
worden.
Das gleiche gilt jedoch auch für die entgegengesetzte Auf-
fassung. Die geschichtliche Erfahrung zeigt, daß die Entwicklung
und Ausweitung des Nahrungsspielraumes, d. h. die Produktivität
der menschlichen Arbeit, aus den verschiedensten Gründen großen
Schwankungen unterworfen war. Es gab Zeiten, in denen diese
1) Diese beiden Momente werden von Bortkiewicz mit Recht als wesentliche
Bestandteile der Malthus’schen Lehre hervorgehoben (Bevölkerungstheorie, a. a. O.,
3. 24 u. 38).