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soviel überblickte, drang er in keiner Eichtung weit
vorwärts, eben weil alle die Wege ihm offenbar waren,
hat er keinen neuen gebrochen. Wieder hilft uns die
Analogie mit der Politik — und es ist keine bloß
äußerliche Analogie, vielmehr handelt es sich über
all um die gleichen Notwendigkeiten der Dinge und
die gleichen sozialpsychischen Phänomene: Der Poli
tiker, der alle Möglichkeiten und Notwendigkeiten
sieht und der sich bewußt ist, daß kein Partei
programm nur Wahrheit und ewige Wahrheit ent
halten kann, wird von den Dingen nicht so leicht
desavouiert werden, als einer der sich lodernd von
Begeisterung und mit den dazu gehörigen Scheu
klappen in agmen, in pulverem, in clamorem stürzt.
Aber der politische Führer und Sieger ist doch der
letztere — und der erstere meist nicht mehr als ein
schönes Möbel eines kultivierten Salons. Der „Scho-
larch“ hat seine Funktionen und es wäre nicht un
bedenklich, ihm gerade jene moralische und intellek
tuelle Anlage zu wünschen, die zum Verzichten auf
temporären Schulerfolg gehört. Und — was würde
aus uns allen, wenn wir uns stets die Tatsache vor
Augen hielten, daß wir nur Kindern gleichen, die
sich am Meeresstrand ein Schlößchen aus Sand bauen,
mit einem Graben rundherum und dann versuchen,
das Meer in diesen Graben zu schöpfen.
Aber obgleich die Gründe jener Diskontinuität
der wissenschaftlichen Entwicklung sicher fortbe-
stehen werden, obgleich wir nicht einmal wünschen
dürfen, daß sie wegfielen, so ist doch klar, daß sie
labentibus annis an Stoßkraft verlieren müssen. Je
breiter und tiefer der Strom des Wissens wird, um