Full text : Vergangenheit und Zukunft der Sozialwissenschaften

SBH

MM

MMMks

909

130
wahr,  daß  es  auch  auf  dem  Gebiet  der  Wissenschaft
schön  wäre,  wenn  wir  uns  frei  vom  Geschirr  der
fachlichen  Methoden  nach  Lust  und  Laune  umher
tummeln  könnten  nach  allem  haschend  was  uns  freut,
von  allem  plaudernd,  was  uns  einfällt,  so  ist  es  doch
ebenso  wahr,  daß  nur  arbeitsteilige  Facharbeit  uns
weiterführen  kann,  wenn  uns  das  nicht  genügt,  was
sich  so  ohne  weiteres  erhaschen  läßt.  Wer  gegen
wissenschaftliche  Arbeitsteilung  kämpft,  der  täuscht
sich  über  den  Wert  der  Alternative,  die  er  uns  bietet.
Mag  er  sich  in  noch  so  prächtige  philosophische
Mäntel  hüllen,  er  hat  uns  nur  ärmliche  Gaben  zu
schenken.  Wem  die  trockenste  analytische  Kausalkette ­
  leuchtet,  wer  den  feinsten  Reiz  spezifisch
wissenschaftlicher  Arbeit  erfaßt,  der  verliert  sehr
bald  den  Geschmack  an  jenem  Antichambrieren  vor
den  wahren  Problemen,  zu  dem  ein  jeder  verurteilt  ist,
der  der  intellektuellen  Situation  unserer  Zeit  nicht
ins  Auge  blicken  und  sich  mit  ihr  nicht  abfinden  will.
Mitunter  stellt  man  die  Sache  so  dar,  wie  wenn  jeder,
der  so  argumentiert  wie  ich  es  tue,  ein  Finsterling
wäre,  der  moralisch  im  „Fach“  ertrunken  ist.  Das
mag  gelegentlich  die  richtige  Antwort  sein.  Aber  sie
ist  es  nicht  immer.  Nicht  deshalb,  weil  ich  weite
Vistas  nicht  zu  schätzen  wüßte,  argumentiere  ich  so,
sondern  weil  jene  konkreten  Visten,  die  uns  heute
geboten  werden,  so  dürftig  sind.  Wer  sich  mit
Worten  nicht  berauschen  will,  muß  erkennen,  daß
nicht  etwa  bloßes  Detail,  sondern  das  Wesen  der
Dinge  uns  auf  dem  Weg  zu  solchen  Visten  verloren
geht.  Er  mag  all  jenes  Sehnen  fühlen,  das  auf  diesen
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.