Object: Theoretische Sozialökonomie

A Kap. II. Die Tauschwirtschaft. 
Tauschwirtschaft ist, desto häufiger kommen Käufe und Verkäufe vor, 
desto weiter erstreckt sich der Kreis der wirtschaftlichen Güter, die in 
diesen Handel einbegriffen werden. Da Preise infolgedessen für die 
meisten wirtschaftlichen Güter sehr oft gesetzt werden, wissen die Be- 
teiligten meistens ungefähr, welcher Preis zu einer gegebenen Zeit für 
ein bestimmtes Gut bezahlt werden wird, und es entsteht mit der 
Entwicklung der Tauschwirtschaft allmählich eine’sehr allgemeine Ge- 
wohnheit, die wirtschaftlichen Güter in Geld zu schätzen. Diese Ge- 
wohnheit erleichtert und befördert natürlich ihrerseits den Güteraus- 
tausch. Die Schätzung der Güter in Geld ist also eine Seite der Tausch- 
wirtschaft, die mit der Entwicklung derselben immer stärker hervor- 
tritt. Wollen wir diese Seite der Tauschwirtschaft besonders betonen, 
so bezeichnen wir die Tauschwirtschaft als eine Geldwirtschaft. 
Oft wird die wirtschaftliche Entwicklung so dargestellt, als ob 
eine Tauschwirtschaft mit direktem Tausch und ohne Geld der eigent- 
lichen Geldwirtschaft vorangegangen wäre, wobei auch die Geldwirt- 
schaft als eine von der Tauschwirtschaft verschiedene, selbständige, 
höhere Entwicklungsstufe der menschlichen Wirtschaft dargestellt wird. 
Diese Ansicht findet, wie wir im..dritten Buch sehen werden, keine 
Stütze in den geschichtlichen Tatsachen. Im Gegenteil zeigt eine nähere 
Untersuchung, daß die Entwicklung des Geldes immer Hand in Hand 
mit der Entwicklung der Tauschwirtschaft gegangen ist, daß der 
Güteraustausch und der Geldgebrauch auf jeder Stufe einander gegen- 
seitig gefördert haben, und daß die Ausbildung eines einheitlichen Geld- 
wesens in modernem Sinne ungefähr gleichzeitig ist mit dem definitiven 
Durchdringen der allgemeinen Tauschwirtschaft. Eine auch nur einiger- 
maßen entwickelte Tauschwirtschaft, also eine Gesamtwirtschaft mit 
geordnetem Austausch von Produkten zwischen selbständigen, wirt- 
schaftlichen Einheiten, aber ohne Geld hat es niemals gegeben. Der 
Ausdruck ‚,Geldwirtschaft‘“ sollte deshalb nicht um etwas anderes als die 
Tauschwirtschaft zu bezeichnen, sondern lediglich in demselben Sinne 
wie ‚, Tauschwirtschaft‘‘, jedoch mit besonderer Betonung der Bedeutung 
des Geldes innerhalb derselben, gebraucht werden. 
Für die ökonomische Wissenschaft ist die Vorstellung, es sei der 
Geldwirtschaft eine „reine Tauschwirtschaft‘‘ als frühere und einfachere 
Wirtschaftsform vorausgegangen, verhängnisvoll gewesen. Es läßt sich 
nämlich kaum bezweifeln, daß diese Vorstellung mit daran Schuld 
trägt, daß die ökonomische Theorie sich verpflichtet gefühlt hat, die 
Vorgänge einer gedachten Tauschwirtschaft ohne Geld zu behandeln 
und diese Untersuchung sogar zur Grundlage des ganzen theoretischen 
Lehrgebäudes zu machen. Dieses Streben hat die theoretische Ökonomie 
in unermeßliche Schwierigkeiten verwickelt und zahllose im ganzen 
recht unfruchtbare Auseinandersetzungen veranlaßt. Da man es für 
notwendig hielt, die Faktoren, die den Güteraustausch regeln, unter 
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