130 Die sozialen Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft.
hier so weit, daß auch gewisse Widerstände überwunden
werden können: auch Anschauungen, zu denen der Geführte von sich aus
nicht kommen könnte, die seiner Denkweise und seinen Urteilstendenzen
widersprechen, finden in gewissen Grenzen in seiner Seele Eingang, wenn
sie ihm von der autoritativen Person dargeboten werden. Darin zeigt
sich die besondere Macht der Autorität, daß sie die Persönlichkeit um
einen gewissen Betrag gleichsam von ihrer Bahn abzulenken, die Stil-
einheit ihrer Denkweise und Anschauungen zu „trüben“ vermag. Hier-
in ist der Führer den einfachen Gruppengenossen überlegen.
Auch diesen gegenüber ist der einzelne entsprechend dem Wesen der Ge-
meinschaft bereit, ihre Anschauungen ohne Prüfung anzunehmen. Aber
sie dürfen seiner eigenen Denkweise nicht widersprechen. Im andern
Fall leistet er hier einen Widerstand, zu dem er der Autorität gegenüber
nur in viel geringerem Grade fähig ist. Andern Personen gegen-
über ist die Gläubigkeit in dem Maße entwickelt, in dem das Verhältnis
zu ihnen der Gemeinschaft nahekommt. Die Anschauungen völlig frem-
der Personen werden, wie schon erwähnt, nicht blindlings abgelehnt —
dazu ist direkte Feindseligkeit oder Widerwillen erforderlich —, wohl
aber im allgemeinen ignoriert oder in einer mehr kritischen Weise be-
handelt.
7. Der Grad, um den autoritative Personen die allgemeine Eigen-
schaft der Gläubigkeit in ihrer Umgebung zu erhöhen vermögen, kann
von sehr verschiedenem Betrage sein. Für die Versicherung, daß eine
Kartoffel ein Stück Zucker sei, Glauben zu finden, gelingt nur dem Hyp-
notiseur: und daß eine Tasse Kaffee mit einigen Tropfen Rizinusöl ge-
nau wie reiner Kaffee schmeckt, wird eine Mutter nur einem kleinen
Kinde glaubhaft machen können. Als ebenso auffallend und ungewöhn-
lich erscheint es, wenn ein Hochstapler, ohne irgendwelche Dokumente
beizubringen oder glaubwürdige Zeugen anzuführen, mit der Behaup-
tung Glauben findet, er habe auf eine unverhoffte Erbschaft Anspruch
und sichere Erwartung; und ebenso fremdartig mutet es uns an, wenn
ein einfacher Bauer in seiner Umgebung als Sektenführer für die Be-
hauptung Anerkennung findet, er sei ein neuer Heiland, und der Welt-
untergang stehe bevor. Auf solche Vorkommnisse pflegt die populäre
Meinung und leider teilweise auch die Literatur gern den Begriff der
Suggestion in Verbindung mit einer ganz bestimmten psychologi:
schen Anschauung anzuwenden: nur die Allmacht der Suggestion mache
derartige Vorkommnisse überhaupt begreiflich. Hinzugefügt wird dann
wohl der Sag, daß im Grunde fast alle Urteile und Handlungen eigent-
lich auf Suggestion beruhen. Und tatsächlich wird dieser Begriff auf
jedes Urteil, das nicht streng logisch begründet ist, und auf jede Hand-