Weitere musikalische und literarische üÜbergänge. 391
die Welt eines neuen Zeitalters einleiteten. Aber eben nur auf
ihrem Boden, nicht aus ihr selbst! Die Kirchen waren —
wenigstens die hauptsächlichsten des inneren Deutschlands —
dogmatisiert, und das heißt rationalisiert; und so konnte wohl
schon im Jahre 1654 ein Frommer im Lande mit Logau
meinen:
Luthrisch, päpftlich und calvinisch, diese Glauben alle drei
Sind vorhanden; nur ist Zweifel, wo das Christentum denn sei.
Indem aber die Kirchen trotz alles Ansturms des Gemütslebens
cationalistisch blieben, nahmen sie die Aufklärung schließlich,
so sehr sie gegen deren Inhalt Bedenken haben mochten, dennoch
als ihnen der psychischen Form nach kongenial auf und sind
darum deren Träger noch lange hinein bis in das zweite, ja
dritte Menschenalter des Subjektivismus geblieben. So erklärt
sich die Rationalisierung des Luthertums in der zweiten Hälfte
des 18. Jahrhunderts, so seine wohlwollende Stellung zu
Kant, so die altrationalistische Orthodoxie noch der zwanziger
und dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts. Und so wird es
verständlich, wenn selbst die katholische Kirche sich schließlich dem
rationalen Gifte öffnete, und wenn vor und nach 1800 in
Deutschland Generationen rationalistisch beeinflußter Bischöfe
und Priester gewaltet haben, bis der Klerikalismus, vornehmlich
seit den dreißiger und vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts,
der Aufklärung die Krone entriß.
Eine nicht minder rationale Macht aber war die Antike
geworden. Anfangs Lebensluft enthusiastisch dem Altertume
zujauchzender Geschlechter, war sie fruh zur Gelehrsamkeit ver—
fallen und eben in dieser Form den verhängnisvollen Bund
mit der nationalen Phantasietätigkeit eingegangen zur ratio—
nalistischen Entmannung der Dichtung und der bildenden Künste;
nur die Musik hatte sich dieser trostlosen Umgarnung entzogen.
Dann schien es freilich so, als ob sich Künste wie Dichtung —
seit etwa 1700 — der häßlicher werdenden Verstrickung ent⸗
ziehen würden. Allein da kam der schon ermattenden Antike
ein neuer Lebenshauch zu Hilfe. Aus der Reform des gelehrten
Unterrichts erhob sich ein letzter, hellenisierender Humanismus;