76 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. [534
und nur mit Verlust wieder anbrachten. Die Reichen und Sachkundigen hatten in
der schlechten Münze ein nie versagendes Instrument der Ausbeutung der Schwachen.
Wenn wir schon aus dem Altertum von Münzaufständen wissen, bei dem Taufende
umkamen, so steigerte sich auch im Mittelalter die Unzufriedenheit und die Erbitterung
über falsche und ungerechte Münzmaßregeln oftmals bis zu stuͤrmischen Auftritten und
revolutionären Bewegungen. Das milderte sich wohl von 1500 -1700, aber verschwand
nicht. Nicht umsonst erwächst gleichsam die ganze nationaldkonomische Litteratur aus
den Münzschriften vom 14. -18. Jahrhundert. Aber nur langsam reifte die bessere
Einsicht, noch langsamer folgte ihr das praktische Handeln gerechter und vernünftiger
Regierungen.
Die ganze Epoche, für den größeren Teil Europas die Zeit von 1280 -1300
bis ins 18. Jahrhundert umfassend, ist ein Beweis für die unendliche Schwierigkeit der
Aufgabe; es war eine Zeit der Versuche, der verfehlten Anläufe und daneben doch eine
Zeit der vordringenden Geldwirtschaft mit all' ihren segensreichen Folgen. Das Münz—
hoheitsrecht erlangt durch die Mißbräuche hindurch seine rechtliche und verwaltungsmäßige
Ausbildung und Umgrenzung; die Münztechnik vervollkommnet sich; die Münzprägung
nimmt stetig zu. Von einer festen Währungspolitik aber ist noch nicht die Rede. —
d) Das Geld-und Münzwesen der großen wohlhabenden Kultur—
staaten des 19. Jahrhunderts bildet die letzte, für uns die wichtigste Epoche der
Entwickelung. Es ist die Zeit des vollen Sieges der Geldwirtschaft. Die Staaten,
welche eine große eigene Edelmetallproduktion haben oder durch günstige Handels—
beziehungen in den Besitz des nötigen Metalls kommen, prägen nun in ganz anderem Umfang
als früher; in jedem Staate werden die Verkehrskanäle nach und nach mit einheitlicher,
einheimischer guter Münze erfüllt. Wenn auch jetzt noch zeitweise gewisse Münzwirren
nicht fehlen, hier die Ausgabe von Papiergeld, dort Währungsschwankungen oder der Abfluß
der Münze ins Ausland durch Handelsbilanzeinflüsse Schwierigkeiten schaffen, im gauzen
haben die befseren Regierungen der europäischen Staaten und der Kolonien mit europä—
ischer Bevölkerung doch in den letzten 100—150 Jahren endlich wieder ein solches
Geldwesen geschaffen, wie es Athen von Solon bis zum Tode Alexanders oder das
römische Reich in den zwei ersten Jahrhunderten des Principats besessen hatten. Die
hoch entwickelte nationale Volkswirtschaft der Großstaaten drängte auf das Ziel und
gab in gut geordneten Finanzen die Mittel dazu, wie andererseits die Ausbildung
dieser Volkswirtschaft und eine gute Finanzwirtschaft nur mit einem richtig geordneten
Geldwesen möglich war. Glückliche und normale Handelsbeziehungen nach außen ,eine feste,
starke, weitsichtige Regierung nach innen waren die Vorbedingungen des Gelingens. Das
zu erreichende Ziel war stets: eine Münze herzustellen, die wertbeständig sei, welche für
alle Verträge und alle Zahlungsverpflichtungen eines großen Staatsgebietes und einer
kürzeren oder längeren Zeitdauer die Garantie nicht sowohl gleichen Wertes, als gleicher
Edelmetallstücke in fich trage. Die Garantie gleichen Wertes ist insofern unerreichbar,
als das Edelmetall, wie wir später sehen werden, selbst im Wert gegen andere Güter
Schwankungen unterliegt; aber wenigstens die gleiche Silber- oder Goldmenge muß
ganz sicher jeder Bürger an jedem Ort und für Jahrzehnte erhalten, der über 100 Mark
kontrahiert hat. Das Problem war in den großen Staaten an sich nicht leichter,
jondern schwieriger geworden als früher, aber die Einsicht und Mittel zu seiner Be—
wältigung waren endlich vorhanden. Wir gehen auf das einzelne im folgenden
Paragraphen ein, suchen hier nur noch kurz zu formulieren, was wir heute unter Geld
und Geldwesen verstehen.
— Wenn heute von Geld schlechtweg die Rede ist, denkt jedermann an ein vom
Staate gemünztes Edelmetallgeld, das dürch den Warenwert des Edelmetalls feine
primäre wirtschaftliche, durch den staatlichen Stempel und alle daran sich knüpfenden
Rechtsfolgen seine sekundäre wirtschaftliche und rechtliche Funktion und Brauchbarkeit
erhält. Erklärt der Staat ein Stück Blech oder Leder oder Papier durch einen Stempel
als Geld, und nimmt es als Zahlung an oder wechselt dafür gar stets Edelmetallgeld
ein, so ist das eine kreditmähige Auweisung auf Geld, es kann an Geldesflalt cittu,