98
Bevölkerung und Unterhaltsmittel.
Buch II.
Häufigkeit ist pungernot auf Hungersnot gefolgt, nur immer weitere
Flächen mit größerer Heftigkeit verheerend.
Ist dies nicht ein Beweis der Malthusschen Theorie? Zeigt dies
nicht, daß, soviel auch die Zugänglichkeit der Unterhaltsmittel vermehrt
wird, die Bevölkerung doch fortfährt, gegen dieselben anzudrängen?
Zeigt es nicht, daß Malthus Recht hatte, wenn er behauptete, die Schleusen
zu schließen, durch welche die überflüssige Bevölkerung fortgeschafft
werde, heiße nur soviel als die Natur zu zwingen, sich andere zu öffnen
und daß, wenn die (Quellen menschlicher Vermehrung nicht durch Regu
lierungen der Vorsicht eingedämmt werden, nur zwischen Krieg und
Hungersnot die Wahl bleibt? Dies war die orthodoxe Erklärung. Aber
die Wahrheit ist, wie aus den bei den jüngsten Erörterungen der indischen
Angelegenheiten in den englischen Blättern enthüllten Tatsachen er
sichtlich, daß diese Heimsuchungen von Hungersnot, welche Millionen
hinweggerafft haben und noch hinwegraffen, dem Druck der Bevölke
rung gegen die natürlichen Grenzen der Unterhaltsmittel ebensowenig
zuzuschreiben sind, wie die Verheerung des Earnatic, als Ljyder Alis
Reiter wie ein verheerender Sturmwind über dasselbe hereinbrachen.
Die Millionen Indiens haben ihre Nacken unter das Joch mancher
Eroberer gebeugt, aber das schlimmste von allen ist das beständige,
erdrückende Gewicht der englischen Herrschaft, ein Gewicht, welches
buchstäblich Millionen aus dem Dasein hinausdrückt und, wie englische
Schriftsteller zeigen, zu einer überaus schrecklichen und weit verbreiteten
Katastrophe führen muß. Auch andere Eroberer haben im Lande gelebt,
und, so schlecht und tyrannisch ihre Herrschaft war, so haben sie doch
das Volk verstanden und sind von demselben verstanden worden; jetzt
aber gleicht Indien einem großen Grundbesitz, der einem abwesenden
und fremdländischen Herrn gehört. Es werden höchst kostspielige Militär-
und Zivileinrichtungen aufrecht erhalten, geleitet und mit Offizieren
versehen durch Engländer, die Indien nur als einen Platz zeitweiligen
Exils ansehen; und eine enorme, aus wenigstens 20 Millionen £ jährlich
zu veranschlagende Summe (die von einer Bevölkerung erhoben wird,
wo Arbeiter in guten Zeiten froh sind, für \ 1 / 2 bis 4 Pence täglich zu
arbeiten) fließt in Form von Rimessen, Pensionen, europäischen Re-
gierungsunkosten usw. nach England — ein Tribut, für den kein Gegen
satz zurückkommt. Die ungeheuren, aus Eisenbahnen verschwendeten
Summen haben, wie die Betriebsergebnisse beweisen, sich als unproduktive
Anlagen herausgestellt; die größten Bewässerungswerke find meistenteils
ebenso kostspielig als verfehlt. In großen Teilen Indiens verliehen die
Engländer, von dem Wunsche geleitet, eine Klasse von Grundbesitzern
zu schassen, absoluten Besitz von Grund und Boden an erbliche Steuer
einnehmer, die die Bauern unbarmherzig durch die Pachtschraube aus
plündern. In anderen Teilen, wo die Pacht noch durch den Staat in
Form einer Grundsteuer erhoben wird, sind die Ansätze so hoch und die
Steuern werden so rücksichtslos eingetrieben, daß die, selbst in guten