Full text: Fortschritt und Armut

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Bevölkerung und Unterhaltsmittel. 
Buch II, 
Weder in Indien noch in Ehina können deshalb Armut und Hunger 
tod auf Rechnung des Druckes der Bevölkerung gegen die Unterhalts 
mittel gestellt werden. Nicht die dichte Bevölkerung, sondern die Ur 
sachen, welche die soziale (Organisation an ihrer natürlichen Entwicklung 
und die Arbeit an der Erzielung ihres vollen Ertrags hindern, erhalten 
Millionen gerade am Rande des Hungertodes und treiben hin und wieder 
auch Millionen darüber hinweg. Daß der Hindu-Arbeiter sich glücklich 
schätzt, eine Handvoll Reis zu bekommen, daß der Lhinese Ratten und 
Hunde ißt, hängt ebensowenig von dem Druck der Bevölkerung ab, als daß 
die Digger-Indianer von Heuschrecken leben oder die Eingeborenen 
Australiens die in verfaultem Holze gefundenen Würmer essen. 
Man verstehe mich recht! Ich meine nicht bloß, daß Indien und 
Ehina bei einer höher entwickelten Zivilisation eine größere Bevölkerung 
erhalten könnten, denn damit würde jeder Malthusianer übereinstimmen. 
Die Malthussche Lehre leugnet nicht, daß ein Fortschritt in den produk 
tiven Gewerben einer größeren Bevölkerung Unterhalt verschaffen 
würde. Aber die Malthussche Theorie behauptet — und dies ist ihr 
Kernpunkt — daß, wie groß auch die Hroduktionsfähigkeit sein möge, 
die natürliche Tendenz der Bevölkerung dahin gehe, sie einzuholen, 
und durch den Druck gegen dieselbe, um die Redewendung Malthus' 
zu gebrauchen, jenen Grad von Laster und Elend hervorzubringen, der 
erforderlich ist, um die weitere Vermehrung zu verhindern, so daß in 
dem Maße, wie die j)roduktionskraft zunimmt, auch die Bevölkerung 
entsprechend zunehmen wird und binnen kurzem dieselben Resultate 
hervorbringt wie zuvor. Ich dagegen sage, daß nirgends ein Fall vor 
handen ist, der diese Theorie stützt, daß der Mangel nirgends füglich 
dem Druck der Bevölkerung gegen die Fähigkeit, in einem dem jeweiligen 
Stande menschlicher Wissenschaft entsprechenden Maße Unterhalts 
mittel zu beschaffen, zugeschrieben werden kann; daß überall das Laster 
und Elend, das man der Übervölkerung zuschreibt, auf Krieg, Tyrannei 
und Bedrückung zurückgeführt werden kann, welche das Wissen an 
seiner nutzbaren Verwendung hindern und die zur Produktion nötige 
Sicherheit versagen. Der Grund, warum die natürliche Bevölkerungs 
vermehrung keinen Mangel hervorbringt, wird weiterhin erörtert werden, 
-kjier beschäftigt uns nur die Tatsache, daß sie es bisher noch nirgends 
getan hat. Diese Tatsache ist in betreff Indiens und Chinas augenfällig. 
Sie wird überall da ebenso klar zutage treten, wo wir die Wirkungen, 
welche bei oberflächlicher Betrachtung oft als von Übervölkerung her 
rührend angesehen werden, bis zu ihren Ursachen verfolgen. 
üon allen europäischen Ländern liefert Irland das stehende Bei 
spiel für Übervölkerung. Die äußerste Armut der Bauern und der dort 
herrschende niedrige Lohnsatz, die irländische Hungersnot und die irlän 
dische Auswanderung werden fortwährend als ein sich unter den Augen 
der zivilisierten Welt vollziehender Beweis der Malthusschen Theorie 
angeführt. Ich meinerseits bezweifle, ob ein schlagenderes Beispiel
	        
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