dafür angeführt werden kann, daß eine vorgefaßte Meinung die Menschen
über den wahren Sachverhalt zu blenden vermag. Die Wahrheit ist,
und sie liegt auf flacher pand, daß Irland noch nie eine so große Bevölke
rung gehabt hat, daß die natürlichen Kräfte des Landes, nach dem
jeweiligen Stande der produktiven Gewerbe, sie nicht ganz bequem
hätten erhalten können. Zur Zeit seiner größten Volkszahl (\8^0—q.845)
enthielt Irland etwas über acht Millionen Menschen. Aber ein sehr
großer Teil derselben vegetierte bloß, wohnte in elenden Hütten, kleidete
sich in bloße Lumpen und hatte keine andere Nahrung als Kartoffeln.
Als die Kartoffelkrankheit kam, starben sie zu Tausenden. Aber war es
die Unfähigkeit des Bodens, eine so große Bevölkerung zu ernähren, die
so viele zwang, in dieser elenden weise zu leben, und sie beim Mißraten
einer einzigen Ernte dem Hungertode aussetzte? Im Gegenteil, es war
dieselbe gewissenlose Habgier, welche den indischen Ryot der Früchte seiner
Arbeit beraubte und ihn inmitten des Überflusses der Natur verhungern
ließ. Allerdings durchzogen keine unbarmherzigen Banditen von Steuer
erhebern plündernd und marternd das Land, aber der Arbeiter wurde
ebenso wirksam durch eine nicht minder unbarmherzige Horde von Guts
besitzern ausgezogen, unter denen der Grund und Boden als absolutes
Eigentum verteilt worden war, ohne Rücksicht auf die Rechte derer,
welche auf demselben lebten.
Betrachten wir jetzt die Produktionsverhältnisse, unter denen diese
acht Millionen lebten, bis die Kartoffelkrankheit kam. Die Lage war eine
solche, daß die von Tennant betreffs Indiens gebrauchten Worte auch
auf sie mit Recht angewendet werden konnten: „der große Sporn des
Eewerbfleißes, die Sicherheit, war genommen". Der Landbau wurde
größtenteils durch Pächter ohne feste Kontrakte betrieben, die, selbst
wenn ihnen dies'bei den unmäßigen Pachten möglich gewesen wäre,
nicht wagten, Verbesserungen vorzunehmen, die nur das Signal für eine
Pachterhöhung gewesen wären. Die Arbeit wurde somit in der unwirk
samsten und unzweckmäßigsten weise betrieben, und es wurden in ziel
losem Müßiggang Arbeitskräfte vergeudet, die bei einiger Sicherheit
für ihre Früchte unausgesetzt beschäftigt worden sein würden. Aber selbst
unter diesen Verhältnissen ernährte Irland tatsächlich mehr als acht
lllillionen. Denn als seine Bevölkerung am größten war, exportierte
gleichwohl Irland noch Nahrungsmittel. Selbst noch während der
Hungersnot wurden Korn und Fleisch, Butter und Käse behufs Ausfuhr
Bandstraßen entlang geführt, die mit verhungernden besetzt waren, und
in deren Gräben die Toten aufgeschichtet lagen. Für diese Ausfuhr von
Lebensmitteln oder wenigstens für einen großen Teil derselben kam
kein Gegenwert zurück. Soweit es sich um die Bewohner Irlands
handelte, konnten die ausgeführten Lebensmittel ebensogut verbrannt
oder ins Meer geworfen oder überhaupt nicht produziert werden. Sie
gingen nicht zum Austausch fort, sondern als ein Tribut, um abwesenden
Gutsherren die Pacht zu zahlen; eine den Produzenten von Leuten,