150 Die sozialen Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft.
existiert, das erst aus den äußeren Kundgebungen auf dem Wege der Überlegung er-
kannt, nämlich aus ihnen „erschlossen“ würde. In psychologischer Hinsicht ist die
legtere Vorstellung jedenfalls unhaltbar. Freude, Güte oder Würde kann man eben-
sogut sehen, wie man Glätte oder Größe eines Marmorsteines sehen kann: man
sieht in der ursprünglichen komplexen Auffassungsweise den freudigen Menschen als
ein Ganzes, ebenso wie man einen Marmorstein als ein Ganzes sieht; und man er-
faßt an ihm die Freude ebenso wie am Marmor die Glätte (Näheres $ 14,,).
Insbesondere verdanken wir dem Mechanismus der Ausdruckstätig-
keit im täglichen Leben die fortgesegßte Anpassung!) aller an die ge-
zebenen Verhältnisse und damit die Erhaltung des sozialen Gleich-
gewichts. Einem sicher und selbstbewußt auftretenden Menschen be-
zegnet man ganz anders als einem solchen, der die Symptome der
Schwäche und Unsicherheit zeigt. Ebenso begegnet man einem Menschen,
der ein hinterhältiges Wesen verrät, mit Vorsicht und Zurückhaltung,
während freundliche Bestimmtheit im Auftreten meist Entgegenkommen
findet. Streitbare Stimme und Miene endlich reizen zur Opposition. Und
so überall: die ganze Ausdruckshaltung des Menschen bildet einen Reiz,
auf den ohne alle Absicht, ganz unwillkürlich in einer bestimmten Weise
von seiner Umgebung reagiert wird. Man merkt es dem Menschen unter
Umständen in jedem Augenblick an, wie ihm zumute ist, was man ihm
bieten darf, und was man von ihm zu erwarten hat, und richtet sich da-
nach. Anderseits liest jeder in den Mienen und der Haltung seiner Mit-
menschen und hört aus dem Ton ihrer Äußerungen heraus, wie er und
sein Verhalten bewertet werden und ob er die Grenzen des Zulässigen
überschritten hat oder nicht. Jeder vergewissert sich so unbewußt, ob
er für sein Auftreten Resonanz findet oder nicht. Kurz, das Gleich-
gewicht in jeder Gesellschaft beruht zum großen Teile auf der fort-
zesegten Fühlungnahme vermöge dieses Zusammenhanges von Ausdruck
und Reaktion. Bei der Bedeutung, die jeder vermöge seines Selbst-
zefühls seiner Beurteilung durch seine Mitmenschen beimißt, ist dieser
Kontakt das wirksamste Disziplinarmittel, das sich denken läßt. Wieviel
ungünstiger ist in dieser Beziehung der Blinde oder Taube gestellt, der
auf einen Teil dieses Kontaktes verzichten muß und so viel isolierter
dasteht: die Absonderlichkeiten und Mängel, die sich so leicht bei beiden
einstellen, haben zum Teil hierin ihre Quelle. Spezifisch ungünstig ist
darin aber auch eine Gesellschaft wie die moderne gestellt, in der die
1) Das Wort Anpassung wird hier ausnahmsweise auf Vorgänge von gesell-
schaftlichem Charakter angewendet. Der Leser möge dadurch nicht irre werden: im
allgemeinen wird von uns Anpassung im Sinne von Nüßglichkeit oder Zweckmäßigkeit
für den Verkehr des Menschen mit der äußeren Natur und damit als ein Gegensat
zu dem Verkehr des Menschen mit seinen Genossen, d.h. zu den gesellschaftlichen
Beziehungen des Menschen gebraucht.