Kap. VI.
Der Lohn und das Lohngesetz.
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den Unterschieden in dein Angebot und der Nachfrage von Arbeitskräften
variieren —wenn man unter Nachfrage den Bedarf der gesamten Gesell
schaft an Diensten besonderer Art und unter Angebot die relative Summe
von Arbeitskräften versteht, welche unter den bestehenden Verhältnissen
zur Leistung dieser besonderen Dienste bewogen werden können. Obgleich
dies aber betreffs der relativen Unterschiede des Lohns richtig ist, so
werden die Worte sinnlos, wenn man, wie es häufig geschieht, sagt,
daß der allgemeine Satz des Lohnes durch Angebot und Nachfrage be
stimmt werde. Denn Angebot und Nachfrage sind nur relative Ausdrücke.
Das Angebot von Arbeit kann nur ein Angebot von Arbeit gegen andere
Arbeit oder deren Produkt bedeuten, und die Nachfrage nach Arbeit
nur Nachfrage nach Arbeitskräften oder deren Produkt im Tausch gegen
Arbeit. Das Angebot ist somit Nachfrage und die Nachfrage Angebot,
und in der ganzen Gesellschaft muß das eine genau soweit reichen wie
das andere. Dies ist von der herrschenden Nationalökonomie in bezug
auf Verkäufe klar erkannt worden, und die Ausführungen Ricardos,
Ulills und anderer, welche beweisen, daß Veränderungen in Angebot
und Nachfrage kein allgemeines Steigen oder Sinken der Preise verur
sachen können, obschon sie ein Steigen oder fallen im Preise eines
besonderen Dinges hervorbringen können, sind gerade so gut auf die
Arbeit anwendbar. Was die Ungereimtheit, im allgemeinen von Angebot
und Nachfrage betreffs der Arbeit zu sprechen, weniger deutlich macht,
das ist die Gewohnheit, die Nachfrage nach Arbeit als dem Kapital
entspringend und als etwas von der Arbeit Verschiedenes anzusehen;
aber die Analyse, der diese Vorstellung bis hierher unterworfen worden
ist, hat ihren Irrtum genügend bloßgelegt. In der Tat wird dieser Irr
tum schon durch die Wendung klar, daß der Lohn nie auf die Dauer das
Produkt der Arbeit übersteigen kann, und daß somit kein anderer Fonds
besteht, aus dem derselbe längere Zeit gezogen werden könnte, als der,
den die Arbeit beständig erschafft.
Obwohl aber alle die Umstände, welche die Unterschiede in den
Löhnen unter verschiedenen Beschäftigungen hervorbringen, als durch
Angebot und Nachfrage wirkend betrachtet werden können, so können
!ie (oder vielmehr ihre Wirkungen, denn bisweilen wirkt dieselbe Ursache
"ach beiden Seiten hin) doch in zwei Klassen eingeteilt werden, je nach
dem sie nur scheinbaren oder aber wirklichen Lohn steigern, d. h. den
purchschnittslohn für gleiche Anstrengung erhöhen. Die hohen Löhne
einiger Berufszweige sind den Lotteriegewinnen, mit denen Adam
5inith sie vergleicht, sehr ähnlich: der große Gewinn des einen setzt
uch aus den Verlusten vieler zusammen. Dies trifft nicht nur in den
^erufsarten zu, die Adam Smith als Beispiel anführt, sondern besonders
^uch für den Unternehmerlohn kaufmännischer Geschäfte, wie die Tatsache
eweift, daß über 90 Prozent aller kaufmännischen Firmen schließlich
bankerott machen. Die höheren Löhne der Geschäfte, die nur bei ge
äster Witterung betrieben werden können oder die sonst abwechselnd
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