Full text : Fortschritt und Armut

Kap.  VI.

Der  Lohn  und  das  Lohngesetz.

*63

den  Unterschieden  in  dein  Angebot  und  der  Nachfrage  von  Arbeitskräften
variieren  —wenn  man  unter  Nachfrage  den  Bedarf  der  gesamten  Gesellschaft ­
  an  Diensten  besonderer  Art  und  unter  Angebot  die  relative  Summe
von  Arbeitskräften  versteht,  welche  unter  den  bestehenden  Verhältnissen
zur  Leistung  dieser  besonderen  Dienste  bewogen  werden  können.  Obgleich
dies  aber  betreffs  der  relativen  Unterschiede  des  Lohns  richtig  ist,  so
werden  die  Worte  sinnlos,  wenn  man,  wie  es  häufig  geschieht,  sagt,
daß  der  allgemeine  Satz  des  Lohnes  durch  Angebot  und  Nachfrage  bestimmt ­
  werde.  Denn  Angebot  und  Nachfrage  sind  nur  relative  Ausdrücke.
Das  Angebot  von  Arbeit  kann  nur  ein  Angebot  von  Arbeit  gegen  andere
Arbeit  oder  deren  Produkt  bedeuten,  und  die  Nachfrage  nach  Arbeit
nur  Nachfrage  nach  Arbeitskräften  oder  deren  Produkt  im  Tausch  gegen
Arbeit.  Das  Angebot  ist  somit  Nachfrage  und  die  Nachfrage  Angebot,
und  in  der  ganzen  Gesellschaft  muß  das  eine  genau  soweit  reichen  wie
das  andere.  Dies  ist  von  der  herrschenden  Nationalökonomie  in  bezug
auf  Verkäufe  klar  erkannt  worden,  und  die  Ausführungen  Ricardos,
Ulills  und  anderer,  welche  beweisen,  daß  Veränderungen  in  Angebot
und  Nachfrage  kein  allgemeines  Steigen  oder  Sinken  der  Preise  verursachen ­
  können,  obschon  sie  ein  Steigen  oder  fallen  im  Preise  eines
besonderen  Dinges  hervorbringen  können,  sind  gerade  so  gut  auf  die
Arbeit  anwendbar.  Was  die  Ungereimtheit,  im  allgemeinen  von  Angebot
und  Nachfrage  betreffs  der  Arbeit  zu  sprechen,  weniger  deutlich  macht,
das  ist  die  Gewohnheit,  die  Nachfrage  nach  Arbeit  als  dem  Kapital
entspringend  und  als  etwas  von  der  Arbeit  Verschiedenes  anzusehen;
aber  die  Analyse,  der  diese  Vorstellung  bis  hierher  unterworfen  worden
ist,  hat  ihren  Irrtum  genügend  bloßgelegt.  In  der  Tat  wird  dieser  Irrtum ­
  schon  durch  die  Wendung  klar,  daß  der  Lohn  nie  auf  die  Dauer  das
Produkt  der  Arbeit  übersteigen  kann,  und  daß  somit  kein  anderer  Fonds
besteht,  aus  dem  derselbe  längere  Zeit  gezogen  werden  könnte,  als  der,
den  die  Arbeit  beständig  erschafft.
Obwohl  aber  alle  die  Umstände,  welche  die  Unterschiede  in  den
Löhnen  unter  verschiedenen  Beschäftigungen  hervorbringen,  als  durch
Angebot  und  Nachfrage  wirkend  betrachtet  werden  können,  so  können
!ie  (oder  vielmehr  ihre  Wirkungen,  denn  bisweilen  wirkt  dieselbe  Ursache
"ach  beiden  Seiten  hin)  doch  in  zwei  Klassen  eingeteilt  werden,  je  nachdem ­
  sie  nur  scheinbaren  oder  aber  wirklichen  Lohn  steigern,  d.  h.  den
purchschnittslohn  für  gleiche  Anstrengung  erhöhen.  Die  hohen  Löhne
einiger  Berufszweige  sind  den  Lotteriegewinnen,  mit  denen  Adam
5inith  sie  vergleicht,  sehr  ähnlich:  der  große  Gewinn  des  einen  setzt
uch  aus  den  Verlusten  vieler  zusammen.  Dies  trifft  nicht  nur  in  den
^erufsarten  zu,  die  Adam  Smith  als  Beispiel  anführt,  sondern  besonders
^uch  für  den  Unternehmerlohn  kaufmännischer  Geschäfte,  wie  die  Tatsache
eweift,  daß  über  90  Prozent  aller  kaufmännischen  Firmen  schließlich
bankerott  machen.  Die  höheren  Löhne  der  Geschäfte,  die  nur  bei  geäster ­
  Witterung  betrieben  werden  können  oder  die  sonst  abwechselnd
U*
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.